Veröffentlicht am · Aktualisiert:

Russland nutzt Flughafen Malé als Drehkreuz für Sanktionsumgehung

Eine Untersuchung der Wall Street Journal zeigt, dass Russland den internationalen Flughafen der maledivischen Hauptstadt Malé als Transitpunkt nutzt, um sanktionierte und dual-use-fähige Waren aus den USA, Europa und China nach Russland zu schleusen. Lokale Mittelsmänner wickeln die Zollabfertigung ab, bevor die Fracht auf Aeroflot-Flüge nach Moskau umgeladen wird.

Das Wichtigste

  • Täglich landet eine Aeroflot-Maschine am Flughafen Malé, wo Fracht aus den USA, Europa und China auf Flüge nach Moskau umgeladen wird.
  • Zu den transitierenden Gütern zählen Mikrochips, optische Instrumente und hochfeste Luft- und Raumfahrt-Nieten und -Schrauben mit potenziell militärischem Verwendungszweck.
  • Ein Teil der Fracht geht an sanktionierte russische Unternehmen, darunter S7 Airlines und deren Wartungstochtergesellschaften.
  • Maldivische Zollstatistiken weisen zwischen 2022 und 2025 nahezu keine Exporte nach Russland aus; russische Importdaten zeigen hingegen einen Anstieg von unter 7 Mio. USD (2021) auf über 630 Mio. USD (2022).
  • Für 2024 verzeichneten die russischen Importdaten etwa 160 Mio. USD aus den Malediven; Malé Airports Company meldete 2024 einen Rekordgewinn.
  • Die Regierung der Malediven und die Malé Airports Company lehnten eine Stellungnahme zu den Vorwürfen ab.
  • Westliche Regierungen erhöhen laut WSJ den Druck auf die Malediven wegen ihrer Rolle als Sanktions-Transitpunkt.

Warum es wichtig ist

Die Enthüllung benennt einen konkreten Transitweg, über den Russland westliche Sanktionen umgeht. Dual-use-Güter wie Mikrochips und Luftfahrtkomponenten gelangen so an russische Empfänger, darunter auch sanktionierte Unternehmen wie S7 Airlines. Gleichzeitig profitiert der staatliche Flughafenbetreiber der Malediven finanziell von diesem Geschäft, was die Frage aufwirft, wie wirksam westliche Exportkontrollen noch sind. Die Diskrepanz zwischen maledivischen Zolldaten und russischen Importdaten verdeutlicht zudem die Schwierigkeit, Sanktionsumgehung überhaupt zuverlässig zu messen.

Was geschehen ist

Laut einer WSJ-Recherche, die auf Frachtbriefen, Manifesten und E-Mails zwischen Logistikfirmen sowie Interviews mit westlichen Beamten basiert, wird der Flughafen Malé auf den Malediven täglich von einem Aeroflot-Flug aus Moskau angeflogen. Lokale Mittelsmänner, die mit russisch verbundenen Logistikunternehmen zusammenarbeiten, wickeln den Zoll für Waren aus den USA, Europa und China ab, oft mit minimaler Bearbeitung und ohne dass die Fracht das Flughafengelände verlässt. Anschließend wird die Fracht auf Aeroflot-Flüge nach Moskau umgeladen, wobei neue Frachtbriefe ausgestellt werden, die den ursprünglichen Verkäufer verschweigen und einen anderen russischen Importeur als Empfänger angeben können.

Wo die Berichte auseinandergehen

Die offiziellen maledivischen Zollstatistiken verzeichnen zwischen 2022 und 2025 praktisch keine Exporte nach Russland – etwa 2.300 USD für Thunfisch und 25 USD für Broschüren. Die von der US-Forschungsfirma Import Genius zusammengetragenen russischen Importdaten zeigen dagegen einen sprunghaften Anstieg der Importe aus den Malediven von unter 7 Mio. USD im Jahr 2021 auf über 630 Mio. USD im Jahr 2022, mit rund 160 Mio. USD im Jahr 2024.

Hintergrund

Russische Behörden haben laut Import Genius 2024 begonnen, bestimmte Handelsdaten zu zensieren, und Anfang 2025 den Zugang vollständig blockiert, was die Erfassung der tatsächlichen Volumina erschwert. Russische Staatsbürger sind nach chinesischen die zweitgrößte Touristengruppe auf den Malediven. Im Juli 2024 meldete die Malé Airports Company ein Rekordtagesaufkommen von 126 Tonnen Transitfracht; für das Gesamtjahr 2024 wies das Unternehmen einen Rekordgewinn aus und war damit das profitabelste staatliche Unternehmen des Landes.