Schusswechsel zwischen SBU und GUR in Kiew – SBU-Funktionär entlassen

Am 2. September kam es im Kiewer Stadtteil Beresnjaky zu einem bewaffneten Zwischenfall zwischen Mitarbeitern des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU und des Militärgeheimdienstes GUR. Präsident Selenskyj sprach von einer „absolut beschämenden Situation" und entließ einen hochrangigen SBU-Funktionär. Der Vorfall steht im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Entführung eines Kommandanten des dem GUR unterstellten Russischen Freiwilligenkorps.

Warum es wichtig ist

Ein bewaffneter Zusammenstoß zwischen zwei der wichtigsten ukrainischen Sicherheitsbehörden – dem Inlandsgeheimdienst SBU und dem Militärgeheimdienst GUR – mitten in der Hauptstadt wirft Fragen zur Koordination der Geheimdienste im Krieg auf. Der Vorfall ist mit der mutmaßlichen Entführung und wochenlangen rechtswidrigen Inhaftierung eines Kommandanten einer aus russischen Staatsbürgern bestehenden Einheit verbunden, was auf interne Spannungen um solche Verbände hinweist. Präsident Selenskyj reagierte mit der sofortigen Entlassung eines leitenden SBU-Mitarbeiters und deutlicher öffentlicher Kritik. Die Generalstaatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung und versuchten Mordes an einem Strafverfolgungsbeamten eingeleitet – der Fall wird damit als mögliche Straftat und nicht nur als disziplinarische Angelegenheit behandelt.

Was geschehen ist

Am 2. September fielen im Kiewer Stadtteil Beresnjaky in der Nähe einer Wohnung in der Straße Jurij-Schumskoho Schüsse zwischen Angehörigen des SBU und des GUR. Mehrere Menschen wurden verletzt. Medienberichten zufolge steht der Vorfall im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Stepan Kaplunow, stellvertretender Kommandant des Russischen Freiwilligenkorps (RDK) für Kampfeinsätze – einer dem GUR unterstellten Einheit. Kaplunow war nach eigenen Angaben am 23. August von Unbekannten, die sich als Polizisten ausgaben, in der Nähe seiner Wohnung verschleppt und ohne Anklage etwa neun Tage lang festgehalten worden. Er schildert eine Hafteinrichtung als „Geheimgefängnis", Drohungen wie „du kannst einfach verschwinden" und „grab dir ein Grab" sowie Verhöre durch SBU-Mitarbeiter zu angeblichen Kontakten zum russischen FSB. Am Morgen des 2. September hatte der SBU mitgeteilt, gemeinsam mit dem GUR einen Terroranschlag des russischen FSB gegen einen Führer einer russischen oppositionellen politischen Bewegung vereitelt zu haben, der anlässlich des ukrainischen Unabhängigkeitstags nach Kiew gereist war; den Namen nannte der SBU nicht. Kaplunow erklärte später, er habe die Schüsse durch sein Fenster gehört und sei anschließend von Kämpfern der GUR-Spezialeinheit „Tymur" mitgenommen worden. Präsident Selenskyj bezeichnete den Zwischenfall als „absolut beschämend" und unterzeichnete am selben Tag das Dekret Nr. 868 zur Entlassung von Oleh Chramow, Leiter der Abteilung für Staatsgeheimnisschutz und Lizenzierung des SBU; Chramow hatte diese Funktion seit dem 6. März 2023 inne. Der Leiter des Präsidialamtes und ehemalige GUR-Chef Kyrylo Budanow forderte eine „gründliche und unparteiische Untersuchung" und erklärte, niemand habe das Recht, Militärangehörige zu entführen, in den Straßen von Städten zu schießen oder kriminelle Befehle zu erteilen und auszuführen. Die Generalstaatsanwaltschaft leitete ein Vorverfahren wegen Bedrohung und Angriffs auf das Leben eines Strafverfolgungsbeamten ein.

Wie ukrainische Quellen berichten

Die sechs herangezogenen Quellen sind ausschließlich ukrainisch. Sie rücken die innerukrainischen institutionellen Folgen in den Mittelpunkt: die Entlassung eines leitenden SBU-Funktionärs durch Präsident Selenskyj, die öffentliche Verurteilung des Vorfalls als „beschämend" sowie Budanows Forderung nach einer unparteiischen Untersuchung. Ukrainischsprachige Quellen stellen die vom GUR-Kommandeur „Tymur" und von Kaplunow selbst geschilderte Version stärker heraus und betonen die mutmaßliche vorherige Entführung sowie die Behauptung, SBU-Mitarbeiter hätten ohne Vorwarnung auf unbewaffnete GUR-Vertreter geschossen. Die Berichterstattung konzentriert die Verantwortung auf SBU-Seite – Entlassung und strafrechtliche Ermittlungen –, während Vertretern des GUR und des RDK Raum für ihre Darstellung rechtswidriger Inhaftierung gegeben wird.

Worin sich die Berichterstattung unterscheidet

SBU und GUR zeichnen ein grundverschiedenes Bild von Hergang und Verantwortlichkeit. Der SBU erklärt, seine operativ-ermittlerische Gruppe sei bei einer Durchsuchung von Angehörigen einer Einheit der Streitkräfte angegriffen worden, die mit Fahrzeugen den Zugang blockiert hätten; seine Spezialeinheit Alpha habe die Waffen eingesetzt, um den bewaffneten Widerstand zu stoppen, wobei es Verletzte gegeben habe. „Tymur" vom GUR widerspricht: SBU-Mitarbeiter hätten ohne Warnung auf unbewaffnete GUR-Vertreter geschossen; die GUR-Leute seien wegen der vorherigen Entführung eines ihrer Kommandanten vor Ort gewesen. Streit besteht auch darüber, ob Kaplunow die Person ist, auf die sich der SBU bei seiner Meldung über die vereitelte „Terrorattacke" gegen einen „Führer der russischen oppositionellen politischen Bewegung" bezog. Der SBU nannte den Namen nicht; Kaplunow selbst erklärte, er wisse nicht, ob er gemeint sei; Medienberichte stellen einen Zusammenhang her, eine offizielle Bestätigung gibt es nicht. Zu Kaplunows Haftzeit liefert nur er selbst Angaben – rund neun Tage, ohne förmliche Anklage, in einer von ihm als Geheimgefängnis beschriebenen Einrichtung, mit Drohungen, aber nach seinen Worten ohne körperliche Gewalt außer bei der Verschleppung. Der SBU hat die rechtliche Grundlage und Dauer der Inhaftierung öffentlich bislang nicht dargelegt.

Hintergrund

Das Russische Freiwilligenkorps (RDK) ist eine dem ukrainischen Militärgeheimdienst GUR unterstellte Einheit, die überwiegend aus russischen Staatsbürgern besteht, die gegen die Regierung in Moskau kämpfen. Stepan Kaplunow, nach Medienberichten stellvertretender Kommandant des RDK für Kampfeinsätze, wurde am 23. August als verschollen gemeldet; am 2. September kam er frei. Noch am Morgen desselben Tages hatte der SBU mitgeteilt, gemeinsam mit dem GUR einen FSB-Terroranschlag gegen einen Führer einer russischen oppositionellen politischen Nationalbewegung vereitelt zu haben, der zum ukrainischen Unabhängigkeitstag nach Kiew gereist war – ohne den Betroffenen namentlich zu nennen.

Quellen