Besatzungsgericht verurteilt melitopoler Journalistin Iryna Levchenko zu 15 Jahren Haft
Ein Besatzungsgericht im russisch kontrollierten Gebiet der Oblast Saporischschja hat die pensionierte melitopoler Journalistin Iryna Levchenko wegen angeblicher Spionage zu 15 Jahren Strafkolonie verurteilt. Levchenko, die mehr als 40 Jahre lang für die Lokalzeitung „Nowyj Den“ arbeitete, war am 6. Mai 2023 zusammen mit ihrem Ehemann Oleksandr in Melitopol festgenommen worden. Ihr Ehemann wurde im August 2024 freigelassen; sie selbst befand sich zum Zeitpunkt des Urteils bereits seit über drei Jahren in russischer Gefangenschaft.
Das Wichtigste
- Urteil: 15 Jahre Strafkolonie durch das Besatzungsgericht der Oblast Saporischschja am 4. September 2026.
- Anklage nach Artikel 276 des russischen Strafgesetzbuchs (Spionage).
- Levchenko und ihr Ehemann Oleksandr wurden am 6. Mai 2023 in besetztem Melitopol von russischen Militärangehörigen festgenommen; Oleksandr wurde im August 2024 freigelassen.
- Levchenko arbeitete seit 1981 im Journalismus, viele Jahre bei der Lokalzeitung „Nowyj Den“; zum Zeitpunkt der Festnahme war sie bereits pensioniert.
- Laut Besatzungsgericht blieb sie nach Beginn der Vollinvasion in Melitopol und verzichtete nicht auf die ukrainische Staatsbürgerschaft.
- Levchenko wurde zwischen Haftorten in Melitopol, Donezk, Simferopol und Krasnodar verlegt und soll nach Angaben ihrer Schwester in einer etwa 3×4 Meter großen Zelle mit drei weiteren Frauen festgehalten werden.
- Die Ukraine führt nach eigenen Angaben separate Verhandlungen über die Freilassung von 28 ukrainischen Journalistinnen und Journalisten aus russischer Gefangenschaft.
Warum es wichtig ist
Der Fall steht beispielhaft für das Vorgehen der russischen Besatzungsbehörden gegen ukrainische Medienschaffende: Eine pensionierte Lokaljournalistin wird in einem Verfahren vor einem Besatzungsgericht wegen Spionage zu einer langen Haftstrafe verurteilt, obwohl sie nach Darstellung ukrainischer Stellen keine Straftat begangen hat. Mit dem Urteil wird die ohnehin über dreijährige Gefangenschaft Levchenkos weiter verlängert, während die Ukraine parallel über die Freilassung von insgesamt 28 inhaftierten ukrainischen Journalistinnen und Journalisten verhandelt. Der Fall verdeutlicht zudem die dokumentierten Haftbedingungen und den schlechten Gesundheitszustand der Betroffenen.
Was geschehen ist
Das Besatzungsgericht der Oblast Saporischschja sprach am 4. September 2026 ein Urteil gegen Iryna Levchenko: 15 Jahre Strafkolonie wegen angeblicher Spionage nach Artikel 276 des russischen Strafgesetzbuchs. Laut der im Verfahren vorgebrachten Darstellung der Besatzungsbehörden soll Levchenko über Telegram Kontakt zu einer Bewohnerin des von der Ukraine kontrollierten Gebiets aufgenommen und der ukrainischen Seite Informationen über Standorte von Verwaltungsgebäuden, Personal der Besatzungsverwaltung sowie Bewegungen von Militärangehörigen und -technik in der Oblast Saporischschja übermittelt haben. Im Februar 2023 soll sie zudem Daten zu russischen Staatsministerien und -behörden einschließlich des Sicherheitsblocks mit Adressen und Mitarbeiterlisten weitergegeben haben. Das Besatzungsgericht erklärte, Levchenko habe diese Daten nicht von ihrem Mobiltelefon gelöscht und bis zur Festnahme durch den FSB-Dienst für die Oblast Saporischschja aufbewahrt. Levchenko wurde zusammen mit ihrem Ehemann Oleksandr am 6. Mai 2023 in besetztem Melitopol festgenommen; er wurde im August 2024 freigelassen. Iryna Levchenko wurde im Laufe der Haft zwischen Melitopol, dem Untersuchungsgefängnis in Donezk, Simferopol auf der Krim und Krasnodar verlegt und laut Angaben ihrer Schwester Olena Rudenko in einer rund 3×4 Meter großen Zelle mit drei weiteren Frauen festgehalten.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Die ukrainischen Medien verwenden durchgehend die Begriffe „Besatzungsgericht“, „Entführung“ und „Geiselnahme“ und stellen den Spionagevorwurf als konstruiert dar. Levchenko wird als langjährige Lokaljournalistin und ukrainische Staatsbürgerin porträtiert, die nach Beginn der Vollinvasion in Melitopol blieb und nicht auf ihre Staatsbürgerschaft verzichtete. Die Berichterstattung bindet den Fall in einen größeren Kontext ein: das Verzeichnis des Instituts für Masseninformation zu in russischer Gefangenschaft gehaltenen zivilen Journalistinnen und Journalisten, die parlamentarische Untersuchungskommission zu russischen Verbrechen gegen Medien sowie die laufenden Verhandlungen über die Freilassung von 28 ukrainischen Journalistinnen und Journalisten.
Wo die Berichte auseinandergehen
Die Quellen unterscheiden sich darin, ob sie das Datum der Festnahme Levchenkos und ihres Ehemanns präzise auf den 6. Mai 2023 datieren oder etwas unschärfer als „Anfang Mai 2023“ angeben. Außerdem variieren die Angaben zur Dauer ihrer journalistischen Tätigkeit bei der Lokalzeitung „Nowyj Den“ zwischen „über 40 Jahren“ und „41 Jahren“. Angaben zum genauen Alter Levchenkos zum Zeitpunkt des Urteils reichen von „über 60“ bis zu „65 Jahren“.
Hintergrund
Iryna Levchenko arbeitete seit 1981 im Journalismus, den größten Teil davon für die melitopoler Bezirkszeitung „Nowyj Den“; zum Zeitpunkt ihrer Festnahme war sie bereits im Ruhestand. Sie und ihr Ehemann Oleksandr wurden am 6. Mai 2023 in dem damals von Russland besetzten Melitopol von russischen Militärangehörigen festgenommen. Während Oleksandr im August 2024 freikam, wurde Iryna über Melitopol, Donezk, Simferopol und Krasnodar zwischen verschiedenen Haftorten verlegt. Der Fall wird vom Institut für Masseninformation als einer der Fälle ziviler Journalistinnen und Journalisten in russischer Gefangenschaft geführt; der ukrainische Parlamentsabgeordnete Jaroslav Jurchyschyn hat wiederholt auf ihren Gesundheitszustand und die Haftbedingungen aufmerksam gemacht.