Deutschland macht Russland offiziell für Drohnenangriff auf ukrainische An-124 in Leipzig verantwortlich
In der Nacht zum 5. August schlug eine Drohne mit 1,8 kg Semtex gegen den Flügel einer geparkten ukrainischen An-124 am Flughafen Leipzig/Halle und detonierte nicht. Eine gemeinsame Recherche von The Telegraph und Welt am Sonntag identifizierte den russischen Biker Oleg Levushkin als mutmaßlichen Organisator und den belarussischen Agenten Andrey Karshakov als mutmaßlichen Ausführer. Am 1. September beschuldigte die Bundesregierung Russland offiziell der Tat und kündigte Gegenmaßnahmen an, darunter die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn.
Das Wichtigste
- Drohne mit 1,8 kg Semtex schlug in der Nacht zum 5. August gegen den Flügel einer geparkten ukrainischen An-124 am Flughafen Leipzig/Halle; Sprengstoff detonierte nicht
- Ziel war eine von Antonov betriebene ukrainische An-124 mit rund 25.000 Litern Treibstoff an Bord
- Gemeinsame Recherche von The Telegraph und Welt am Sonntag benennt den russischen Biker Oleg Levushkin als mutmaßlichen Organisator
- Ermittler vermuten den belarussischen Agenten Andrey Karshakov als Ausführer
- Levushkin reiste nach Erkenntnissen deutscher Stellen über die Türkei nach Deutschland ein und führte am 31. Juli Aufklärung am Flughafen Leipzig
- Am 1. September beschuldigte die Bundesregierung Russland offiziell der Tat und kündigte Gegenmaßnahmen an; das russische Generalkonsulat in Bonn wurde geschlossen
- Russische Botschaft in Berlin wies jede Verwicklung zurück
Warum es wichtig ist
Der Vorfall ist die erste offizielle deutsche Beschuldigung Russlands, einen Sabotageakt auf deutschem Boden gegen ein ukrainisches Flugzeug verübt zu haben. Die angegriffene An-124 gehört zu einer der wichtigsten Logistikdrehscheiben für westliche Militärhilfe an die Ukraine. Deutsche Stellen wussten nach eigenen Angaben bei der Einreise von Levushkins GRU-Verbindungen, leiteten aber keine Observation ein. Die Bundesregierung kündigte daraufhin ein Bündel von Gegenmaßnahmen an, darunter Drohnenabwehr, Schutz kritischer Infrastruktur und die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn.
Was geschehen ist
In der Nacht zum 5. August schlug eine Drohne, an der ein Sprengkörper mit 1,8 kg Semtex und ein Zünder angebracht waren, gegen den Flügel einer geparkten Fracht-An-124 der ukrainischen Airline am Flughafen Leipzig/Halle. Die Drohne prallte ab und fiel auf das Rollfeld, ohne dass der Sprengstoff detonierte. An Bord des Flugzeugs waren rund 25.000 Liter Flugbenzin. Das ukrainische Außenministerium erklärte, es seien keine Personen verletzt und Flugzeuge der Antonov nicht beschädigt worden. Die deutsche Polizei stufte den Vorfall als staatsschutzrelevantes Delikt ein und schloss Sabotage nicht aus.
Eine gemeinsame Untersuchung von The Telegraph und Welt am Sonntag, die Dokumente deutscher, litauischer und polnischer Geheimdienste auswertete und mit westlichen Geheimdienstvertretern sprach, identifizierte den russischen Biker Oleg Levushkin als wahrscheinlichen Organisator. Den Erkenntnissen zufolge reiste Levushkin über die Türkei nach Deutschland, mietete rund eine Woche vor dem Anschlag am Flughafen Berlin einen Wagen und fuhr in den folgenden Tagen mehrere mutmaßliche Waffenverstecke an. Am 31. Juli wurde sein Mietwagen in der Nähe des Flughafens Leipzig erfasst, wo er vermutlich Aufklärung betrieb. Deutsche Ermittler vermuten, dass Levushkin die Durchführung des Anschlags an den belarussischen Agenten Andrey Karshakov delegierte, der zuvor in Polen wegen Diebstahls festgenommen und des Brandstiftung verdächtigt worden war. Levushkin steht nach Angaben der Recherche seit Jahren in Kontakt mit Denis Smolyaninov, den westliche Dienste als Hauptorganisator russischer Sprengstoffanschläge in Europa betrachten und gegen den das britische Außenministerium im Vorjahr Sanktionen verhängte.
Laut einem litauischen Geheimdienstbericht aus dem Dezember 2025 leitet Smolyaninov den Ukraine-Bereich im GRU und ist auf psychologische Operationen sowie über den Telegram-Messengerätliche koordinierte Sabotagekampagnen in Europa spezialisiert. Deutsche Geheimdienstkreise ordnen den Leipziger Anschlag der GRU-Untereinheit 29155 zu, die sie als zentrale Kraft derartiger Operationen im Auftrag des Kremls beschreiben; Levushkins konkrete Zugehörigkeit zu dieser Einheit ist allerdings nicht belegt. Das Semtex wurde den Ermittlern zufolge über Bulgarien und Serbien nach Deutschland geschleust, in Hohlräumen von Lastwagen versteckt und möglicherweise entlang der Route zwischengelagert. Am Tatort barg die Polizei zudem Trümmer zweier weiterer Drohnen sowie eine selbst gebaute Antennenanlage, die mit Klebeband an einem Baum befestigt war und vermutlich als Relais für das Steuerschienensignal diente.
Am 7. August wies das Bundesinnenministerium Medienberichte zurück, wonach sich in dem ukrainischen Flugzeug militärische Munition befunden habe. Am 1. September beschuldigte die Bundesregierung Russland offiziell des hybriden Angriffs auf den Flughafen Leipzig und kündigte ein Maßnahmenpaket an: Drohnenabwehr, Schutz kritischer Infrastruktur vor Sabotage, Cyberabwehr sowie die Aufspürung von Spionen und potenziellen Terroristen. Zwei Tage später, am 2. September, wurde zudem die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn bekannt. Die russische Botschaft in Berlin wies jede Verwicklung Russlands in den Leipziger Anschlag sowie in weitere Sabotageaktive in Europa zurück. Levushkin reagierte nicht auf Anfragen der Journalisten.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Alle vorliegenden Quellen sind ukrainische Medien, die über die gemeinsame Recherche von The Telegraph und Welt am Sonntag berichten. Im Vordergrund steht die Bedrohung einer ukrainischen Antonov-Maschine am Flughafen Leipzig/Halle, einem zentralen Knotenpunkt für westliche Militärhilfe an die Ukraine, an dem ukrainische Antonov-Flugzeuge seit 2022 stationiert sind. Die Berichte verknüpfen den Anschlag ausdrücklich mit dem russischen Militärgeheimdienst GRU und der vom Kreml angeordneten Sabotage. Die Dementis der russischen Botschaft werden als Gegenposition wiedergegeben, eingeordnet neben der vom BKA Nachricht von über 165 mutmaßlichen Sabotagefällen und Hunderten Vorfällen mit verdächtigen Drohnen in Deutschland seit Beginn des Jahres 2026.
Wie internationale Quellen darüber berichten
Die ukrainische Berichterstattung zeichnet das Bild der ausländischen Berichterstattung nach. Danach fokussieren The Telegraph, Welt am Sonntag, Süddeutsche Zeitung und Die Zeit auf die Rolle russischer Geheimdienste und der GRU-Untereinheit 29155, auf die innere Sicherheit Deutschlands und auf das Versagen der deutschen Aufklärung, die Levushkins GRU-Verbindungen beim Einreisezeitpunkt kannte, ihn aber nicht observieren ließ. Ein hochrangiger deutscher Geheimdienstvertreter wird mit der Einschätzung zitiert, Deutschland werde zunehmend zum "Operationstheater Operationen" für russische Dienste. Die ausländische Berichterstattung betont zudem die strategische Absicht Moskaus, unter Europäern die Wahrnehmung zu verankern, die Unterstützung der Ukraine sei riskant, und weniger das einzelne ukrainische Flugzeug oder ukrainische Betroffene.
Wo die Berichte auseinandergehen
Über Levushkins Staatsbürgerschaft und Herkunft gehen die Darstellungen auseinander: Ein Bericht bezeichnet ihn als russischen Bürger, ein anderer als russischiamen Inhaber eines lettischen Passes, ein weiterer als in Russland geborenen Letten mit russischem Pass und eine vierte Variante als in Belarus geborenen Inhaber eines russischen Passes. Offen ist, wie die Beamte Drohne letztlich auf den Boden gelangte: Die deutsche Polizei hält es für möglich, dass ein Busfahrer bei einer Rundfahrt über das Flugwesen die Drohne vom Himmel holte; nach einer Alternativversion fand der Fahrer die Drohne am Boden und drehte sie lediglich um. Am 7. August wies das Bundesinnenministerium anders lautende Medienberichte zurück, wonach sich in dem ukrainischen Flugzeug militärische Munition befunden habe.
Hintergrund
Der Flughafen Leipzig/Halle ist seit 2022 Basis ukrainischer Antonov-Flugzeuge und dient als einer der zentralen Logistikknoten für westliche Hilfslieferungen an die Ukraine. Die GRU-Untereinheit 29155 gilt nach Einschätzung deutscher Geheimdienste als zentrale Kraft der vom Kreml angeordneten Sabotagekampagn in Europa. Denis Smolyaninov, der nach westlicher Lesart als Hauptorganisator russischer Sprengstoffanschläge in Europa gilt, steht seit den Jahren auf der Sanktionsliste des britischen Außenministeriums; ein litauischer Geheimdienstbericht aus dem Dezember 2025 beschreibt ihn als Leiter des Ukraine-Bereichs im GRU, zuständig für psychologische Operationen und über Telegram koordinierte verdeckte Sabotagekampagn in Europa.