Deutschland wirft Russland hybride Attacke auf ukrainische Frachtmaschine am Flughafen Leipzig/Halle vor
Deutsche Ermittler haben zwei Tatverdächtige im Zusammenhang mit dem Drohnenangriff auf eine ukrainische An-124 am Flughafen Leipzig/Halle in der Nacht zum 5. August identifiziert. Am 1. September beschuldigte die Bundesregierung Russland offiziell, die hybride Attacke orchestriert zu haben, und kündigte Gegenmaßnahmen an. EU-Außenminister berieten unterdessen über eine Verschärfung der Visaregeln für russische Staatsbürger.
Das Wichtigste
- In der Nacht zum 5. August wurde am Flughafen Leipzig/Halle eine Drohne mit Sprengstoff wenige Meter von einer ukrainischen An-124 entdeckt und per Roboter entschärft.
- Ermittler identifizierten zwei Verdächtige: einen russischstämmigen Mann mit lettischem Pass und einen belarussisch-russischen Doppelstaater, beide nach Erkenntnissen bereits aus der EU ausgereist.
- DNA-Spuren an Drohne, Sprengstoff und einer Antenne am Flughafen führten über Datenbanktreffer in Litauen und Finnland zum zweiten Verdächtigen; der erste gilt als Logistikkoordinator mit Verbindungen zu russischen Geheimdiensten.
- Der belarussisch-russische Verdächtige reiste mit einem italienischen Tourist-visum ein, das Ende April an der italienischen Botschaft in Minsk ausgestellt worden war.
- Am 1. September beschuldigte Deutschland Russland direkt der Tat; Außenminister Johann Wadephul bestellte den russischen Botschafter ein, das russische Generalkonsulat in Bonn und das „Russische Haus" in Berlin sollen geschlossen werden.
- Bundesinnenminister Alexander Dobrindt erklärte, Russland stehe hinter dem Anschlag und die Täter seien als „untergeordnete Agenten" auf Weisung russischer staatlicher Strukturen aktiv.
- EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas berichtete nach einem informellen Treffen in Irland von breiter Unterstützung für ein EU-Einreiseverbot für ehemalige russische Kämpfer und für schärfere Visaregeln für russische Touristen.
Warum es wichtig ist
Deutschland hat Russland erstmals offiziell einer hybriden Attacke auf deutschem Boden beschuldigt, die gezielt gegen eine ukrainische Militärlieferkette gerichtet war. Der Fall belastet die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau unmittelbar – mit konkreten diplom-atischen Konsequenzen wie der Ausweisung russischer Konsularvertretungen – und verschärft die innereuropäische Debatte über Visaregeln für russische Staatsbürger.
Was geschehen ist
In der Nacht zum 5. August wurde am Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff bestückte Drohne wenige Meter von einer ukrainischen An-124-Frachtmaschine entdeckt und von der Polizei mit einem ferngesteuerten Roboter entschärft; es gab keine Verletzten und keinen Schaden am Flugzeug. Wenige Wochen später wurde in der Nähe des Flughafens eine zweite Drohne mit Sprengstoffspuren gefunden.
Deutsche Ermittler identifizierten über DNA-Spuren zwei Tatverdächtige. Der erste ist ein russischstämmiger Mann mit lettischem Pass, der als Logistikkoordinator und Anleiter gelten soll und Verbindungen zu russischen Geheimdiensten haben soll. Er reiste Ende Juli über den Flughafen Berlin BER ein, fuhr mit einem Mietwagen nach Leipzig und verließ Deutschland zwei Tage vor der Tat wieder per Flugzeug über BER. Der zweite Verdächtige ist belarussischer und russischer Staatsbürger, war zuvor bereits wegen anderer Delikte aufgefallen und war mit einem Ende April an der italienischen Botschaft in Minsk ausgestellten italienischen Touristenvisum eingereist. DNA-Datenbank-Treffer in Litauen und Finnland führten zu seiner Identifizierung. Beide haben die EU nach Erkenntnissen bereits verlassen, weshalb die Ermittler skeptisch sind, sie festnehmen zu können – ähnlich wie nach dem Bundestagshack 2015.
Am 1. September beschuldigte die Bundesregierung Russland öffentlich, die hybride Attacke orchestriert zu haben. Außenminister Johann Wadephul bestellte den russischen Botschafter ein. Als Reaktion wurde die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn und des sogenannten „Russischen Hauses" in Berlin angekündigt. Innenminister Alexander Dobrindt erklärte, die Täter seien als „untergeordnete Agenten" auf Weisung russischer staatlicher Strukturen aktiv gewesen. Das russische Außenministerium wies die Vorwürfe am 2. September als „völlig abwegig" zurück und kündigte eine Reaktion an.
Parallel dazu berieten die EU-Außenminister bei einem informellen Treffen in Irland über strengere Visaregeln. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagte, es gebe breite Unterstützung für ein EU-Einreiseverbot für ehemalige russische Kämpfer und für eine Verschärfung der Visaregeln für russische Touristen; diese Unterstützung sei nach dem Vorfall in Leipzig gewachsen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, die EU werde russische hybride Angriffe auf ihrem Hoheitsgebiet nicht dulden und an der Unterstützung der Ukraine festhalten. Italien kündigte an, die Umstände der Visavergabe an einen der Verdächtigen zu untersuchen.
Wo die Berichte auseinandergehen
Ob die ukrainische An-124 zum Zeitpunkt des Drohnenfunds Munition geladen hatte, ist umstritten: Deutsche Medien (WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung) beriefen sich auf einen vertraulichen Polizeibericht und schrieben, die Maschine habe aus Frankreich nach Leipzig verbrachte Munition an Bord gehabt; das deutsche Innenministerium bestritt das offiziell.
Zum Hergang des Drohnentreffers gibt es zwei Darstellungen: Eine Variante beschreibt, die Drohne habe den Flügel der An-124 getroffen und sei dann zu Boden gefallen, ohne zu detonieren; eine andere spricht lediglich davon, dass eine bewaffnete Drohne mit Sprengstoff in der Nähe des Flugzeugs entdeckt und entschärft worden sei.
Hintergrund
Der Flughafen Leipzig/Halle gilt seit Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine als wichtiger alternativer Umschlagplatz für ukrainische Militärfracht.
Bei der Verabschiedung des 21. EU-Sanktionspakets hatten Frankreich, Italien und mehrere andere Küsten- und Tourismusstaaten sich geweigert, ehemalige russische Kämpfer vollständig mit einem EU-Einreiseverbot zu belegen.
Als Präzedenzfall gilt der Bundestagshack von 2015: Damals wurden die mutmaßlichen Agenten nicht festgenommen, weil sie nicht nach Europa zurückkehrten.