Lawrow nennt deutsche Reaktion auf Leipzig-Drohnenvorfall „Beginn eines echten Krieges“
Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat die deutsche Reaktion auf den vereitelten Drohnenangriff auf ein ukrainisches Transportflugzeug am Flughafen Leipzig/Halle als „Beginn eines echten Krieges“ bezeichnet. Er zog einen Vergleich zu den Schließungen diplomatischer Vertretungen vor dem Zweiten Weltkrieg. Deutschland hatte Russland offiziell für den Vorfall verantwortlich gemacht, das letzte russische Generalkonsulat in Bonn geschlossen und das „Russische Haus“ in Berlin aufgekündigt. Russland kündigte als Reaktion die Schließung von Goethe-Institut-Filialen an.
Das Wichtigste
- In der Nacht zum 5. August wurde am Flughafen Leipzig/Halle ein Drohne mit Sprengstoff und Zünder nahe einem ukrainischen An-124-Frachtflugzeug gefunden; die Drohne schlug gegen den Flügel, ricochete und detonierte nicht
- Am 1. September bezichtigte die Bundesregierung Russland offiziell des versuchten Anschlags auf den Flughafen
- Daraufhin schloss Deutschland das letzte russische Generalkonsulat in Bonn und kündigte die Vereinbarung zum „Russischen Haus“ in Berlin; Russland ordnete die Schließung von Filialen des Goethe-Instituts an
- Lawrow sprach von einem „Beginn eines echten Krieges“, verglich die Schließung diplomatischer Vertretungen mit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und sprach von „Metastasen des Nazismus“
- Russische Offizielle, darunter Sicherheitsratsvize Dmitrij Medwedew, drohten mit Angriffen auf Berlin; US-Beamte erklärten laut The Wall Street Journal und ABC News, die Drohne trage Merkmale von Geräten des russischen Militärgeheimdienstes
- Ermittler identifizierten einen belarussisch-russischen und einen russischstämmigen Verdächtigen mit lettischem Pass; DNA-Spuren auf der Drohne werden mit dem DHL-Brandanschlag in Leipzig 2024 in Verbindung gebracht
Was geschehen ist
In der Nacht zum 5. August wurde am Flughafen Leipzig/Halle in wenigen Metern Entfernung zu einem ukrainischen An-124-Frachtflugzeug ein verdächtiges Objekt entdeckt, das sich bei einer Röntgenuntersuchung als kleine Drohne mit etwa 600 Gramm militärischem Sprengstoff und Zünder herausstellte. Videoaufnahmen zeigen, wie die Drohne gegen 19:30 direkt auf das ukrainische Flugzeug zuflog, gegen einen Flügel schlug, abprallte und zu Boden fiel. Der Zünder versagte oder löste sich beim Aufprall, sodass der Sprengstoff nicht detonierte. Der Flugbetrieb am Flughafen wurde in der Nacht ausgesetzt; ein Frachtflugzeug vom Typ Boeing 757, das nicht landen konnte, kollidierte in mehreren hundert Metern Höhe mit einem unbekannten Objekt und wich auf den Flughafen Hannover aus, wo es mit geringen Schäden landete. Nach Angaben des ukrainischen Außenministeriums gab es keine Verletzten und keine Schäden an Flugzeugen des ukrainischen Unternehmens Antonow. Später wurden am Rand des Flughafengeländes eine zweite Drohne und Spuren von RDX (Hexogen) gefunden. Am 25. August berichteten NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf gemeinsame Recherchen, dass insgesamt drei Drohnen an dem Anschlagsversuch beteiligt gewesen seien und der Angriff umfangreicher angelegt war als zunächst angenommen. Am 1. September bezichtigte die Bundesregierung Russland offiziell des versuchten Anschlags auf den Flughafen Leipzig. In der Folge schloss Deutschland das letzte russische Generalkonsulat im Land in Bonn und kündigte die Vereinbarung über das „Russische Haus“ in Berlin; russische Bürger können konsularische Leistungen nur noch über die Botschaft in Berlin wahrnehmen. Russland kündigte als Reaktion die Schließung von Filialen des Goethe-Instituts an und ordnete an, dass abgeordnete Mitarbeiter das Land bis spätestens 13. bzw. 18. September verlassen müssen. Russlands Außenminister Sergej Lawrow nannte die deutsche Reaktion „den Beginn eines echten Krieges“, verglich die Schließung diplomatischer Vertretungen mit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, sprach von „Metastasen des Nazismus“ in Europa und warf Bundeskanzler Friedrich Merz vor, im Wesentlichen beschlossen zu haben, Russland den Krieg zu erklären. Der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitrij Medwedew, drohte mit Angriffen auf Berlin; der russische Propagandist Wladimir Solowjow forderte, die Anerkennung des vereinten Deutschlands aufzuheben und die DDR „wiederherzustellen“. Deutsche Ermittler identifizierten zwei Verdächtige: einen belarussischen Staatsbürger mit russischem Pass, dessen DNA an einer Drohne, dem Sprengstoffbehälter und einer an einem Baum angebrachten Antenne sichergestellt wurde, sowie einen in Russland geborenen Mann mit lettischem Pass, der als Logistiker oder Anleiter gilt und mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung gebracht wird. DNA-Spuren auf der Drohne werden mit dem DHL-Brandanschlag in Leipzig von 2024 in Verbindung gebracht. US-Beamte erklärten gegenüber The Wall Street Journal und ABC News, die Drohne trage Merkmale von Geräten, die üblicherweise vom russischen Militärgeheimdienst (ehemals GRU) eingesetzt werden.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Die ukrainischen Quellen – hromadske, Новинарня, LIGA.net, НВ und Бабель – stellen den Leipziger Drohnenvorfall einhellig als russischen Sabotageakt gegen eine Logistikdrehscheibe für westliche Militärhilfe an die Ukraine dar. Sie greifen die offizielle Erklärung des ukrainischen Außenministeriums auf, nach der es keine Verletzten und keine Schäden an Antonow-Flugzeugen gab, und rahmen den Vorfall als russische hybride Kriegsführung, die durch den Einsatz von Sprengstoff und Drohnen an der Schwelle zu konventionellen militärischen Handlungen gegen Deutschland stehe. Lawrows Äußerungen – die Rede vom „Beginn eines echten Krieges“, der Vergleich mit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und die Beschwörung von „Metastasen des Nazismus“ – werden zusammen mit Medwedews Drohungen gegen Berlin und Solowjows Forderung nach „Wiederherstellung der DDR“ als koordinierte russische rhetorische Eskalation präsentiert. Die ukrainische Berichterstattung zitiert zudem den Politikexperten Andreas Umland vom European Policy Institute in Kiew mit der Einschätzung, dass die deutsche Reaktion bislang überwiegend symbolisch sei und weitergehende Schritte – etwa das Festsetzen von Schiffen der russischen Schattenflotte oder eine Ausweitung der Ukraine-Hilfe – weiterhin zur Verfügung stünden.
Wo die Berichte auseinandergehen
Ob die angegriffene ukrainische An-124 Munition an Bord hatte, ist umstritten: WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung beriefen sich auf einen vertraulichen Polizeibericht und erklärten, die Maschine habe Munition transportiert, die kurz zuvor aus Frankreich nach Leipzig verbracht worden sei und weiter transportiert werden sollte. Das deutsche Bundesinnenministerium erklärte dagegen offiziell, es habe sich keine Munition an Bord befunden. Auch bei der Verantwortlichkeit gehen die Darstellungen auseinander: Deutsche Behörden, die von The Wall Street Journal und ABC News zitierten US-Vertreter sowie deutsche Ermittler weisen auf Russland und identifizierte Verdächtige mit russischen beziehungsweise belarussischen Verbindungen hin; Russlands Außenminister Lawrow und weitere russische Offizielle weisen die Vorwürfe zurück und stellen die deutsche Reaktion als „Beginn eines echten Krieges“ dar.
Hintergrund
Der Flughafen Leipzig/Halle wird seit 2022 als Ausweichstandort für den Transport westlicher Militärhilfe in die Ukraine genutzt; ukrainische Schwertransportflugzeuge wie die An-124 sind dort stationiert. Die Generalbundesanwaltschaft behandelt den Fall als Angriff auf die deutsche Transport- und Logistikinfrastruktur. Deutsche Ermittler bringen DNA-Spuren an der Drohne mit dem Brandanschlag auf ein DHL-Logistikzentrum in Leipzig im Jahr 2024 in Verbindung und haben einen belarussisch-russischen sowie einen russischstämmigen Verdächtigen mit lettischem Pass identifiziert. US-Vertreter erklärten gegenüber The Wall Street Journal und ABC News, dass die Sprengstoffdrohne Merkmale von Geräten aufweist, die typischerweise vom russischen Militärgeheimdienst (ehemals GRU) eingesetzt werden. Die Bundeswehr verzeichnete nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren mehrere hundert Drohnenvorfälle, die als Bedrohung der inneren Sicherheit eingestuft wurden; zuletzt wurde zudem ein Drohnenvorfall am Flughafen Hannover-Langenhagen gemeldet.