Veröffentlicht am · Aktualisiert:

Ukrainische Journalisten in Wien von österreichischen Spezialeinheiten festgenommen – Bondarenko im Krankenhaus in Handschellen operiert

Der investigative Journalist der Ukrajinska Pravda, Mykhailo Tkach, und der Kameramann Yaroslav Bondarenko wurden am 8. Oktober in Wien von österreichischen Spezialeinheiten festgenommen, während sie im Rahmen einer redaktionellen Recherche zum flüchtigen Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko unterwegs waren. Bondarenko erlitt Schnittverletzungen und Glassplitter im Gesicht, wurde in Handschellen ins Krankenhaus gebracht und dort operiert. Innenminister Gerhard Karner sprach von einem Spionageverdacht, die Staatsanwaltschaft erklärte diesen jedoch als nicht bestätigt. Beide Journalisten wurden noch am Abend des 8. Oktober auf freien Fuß gesetzt.

Das Wichtigste

  • Festnahme am 8. Oktober gegen 15:00 Uhr in Wien, Spezialeinheiten schlugen beide Autoscheiben an einer Ampel ein.
  • Bondarenko wurde mit dem Gesicht in zerbrochenes Glas gedrückt, erlitt multiple Schnittwunden und drei Glassplitter unter dem Auge.
  • Operation und Wundversorgung im Krankenhaus erfolgten in Handschellen auf dem Rücken, Eskorte durch zwei Polizisten durch ein Zivilkrankenhaus.
  • Anklage laut Bondarenko: Spionage, Arbeit für einen ausländischen Geheimdienst, Schädigung des Staates Österreich.
  • Innenminister Karner sprach von Spionageverdacht, die Staatsanwaltschaft erklärte den Verdacht laut Ukrajinska Pravda-Quellen für nicht bestätigt.
  • Am Morgen des 9. Oktober meldete MFA-Sprecher Heorhii Tykhyi die Freilassung Tkachs, Bondarenko wurde noch am Abend des 8. Oktober freigelassen.
  • CPJ und IPI forderten die österreichischen Behörden zur Aufklärung der Umstände auf, ukrainische Organisationen einschließlich des Mediaruch verlangten eine Untersuchung.

Warum es wichtig ist

Eine redaktionelle Recherche im Ausland endete in einer gewaltsamen Festnahme auf offener Straße durch Spezialeinheiten eines EU-Landes, was Fragen zu Pressefreiheit und zum Umgang mit Journalisten aufwirft. Bondarenko wurde körperlich verletzt, unter dem Auge operiert und mehrere Stunden ohne Aufklärung seiner Rechte oder der gegen ihn erhobenen Vorwürfe festgehalten, während er in Handschellen durch Krankenhausflure und in den Operationssaal geführt wurde. Innenminister Karner begründete die Festnahme öffentlich mit Spionageverdacht, die Staatsanwaltschaft erklärte diesen Verdacht hingegen für nicht bestätigt — eine direkte institutionelle Diskrepanz innerhalb der österreichischen Behörden. Internationale Pressefreiheitsorganisationen (CPJ, IPI) und ukrainische zivilgesellschaftliche Organisationen forderten Österreich öffentlich zur Untersuchung und zur Verantwortlichkeit seiner Strafverfolgungsbehörden auf. Die Journalisten recherchierten zu einem flüchtigen ukrainischen Generalstaatsanwalt, sodass sich der Vorfall an der Schnittstelle grenzüberschreitender investigativer Berichterstattung und ukrainischer Governance-Fragen im Kriegszustand befindet.

Was geschehen ist

Am 8. Oktober gegen 15:00 Uhr wurden der investigative Journalist der Ukrajinska Pravda, Mykhailo Tkach, und der Kameramann Yaroslav Bondarenko in Wien von österreichischen Spezialeinheiten festgenommen, als sie in einem Mietwagen zwischen Terminen unterwegs waren. Die Spezialeinheiten schlugen beide Autoscheiben an einer Ampel ein und zogen die Journalisten auf die Straße. Bondarenko wurde mit dem Gesicht in das zerbrochene Glas gedrückt und erlitt multiple Schnittwunden an Gesicht und rechtem Arm sowie drei Glassplitter unter dem Auge. Sein linker Arm wurde so stark verdreht, dass er vor plötzlichen Schmerzen schrie und befürchtete, er werde gebrochen. Die Handschellen an seinem linken Handgelenk wurden so fest zugezogen, dass er 15 bis 20 Minuten bitten musste, sie zu lockern. Nach der Festnahme wurden die beiden getrennt, jeglicher Kontakt wurde unterbunden, und Bondarenko wurde angewiesen, zur Wand zu schauen. Alle persönlichen Gegenstände wurden beschlagnahmt, darunter ein in Norwegen verliehener internationaler Preis für Pressefreiheit und als bester Investigativjournalist. Bondarenko wurde zumindest bis zum Abtransport ins Krankenhaus keinerlei Erklärung zu den Gründen seiner Festnahme oder zu seinen Rechten gegeben. Gegen 21:30 Uhr wurde er aus einer vorläufigen Zelle in Handschellen auf dem Rücken in ein Zivilkrankenhaus gebracht und von zwei Polizisten durch die Flure eskortiert. Die Operation zur Entfernung der Glassplitter aus dem Gesicht und das Anlegen der Nähte erfolgten, während er weiterhin in Handschellen auf dem Rücken lag, obwohl er wiederholt darum gebeten hatte und ein Arzt bemerkte, dies sei „nicht gut". Im Anschluss wurde Bondarenko von der Kriminalpolizei vernommen und der Spionage, der Arbeit für den Geheimdienst eines anderen Staates sowie der Schädigung des Staates Österreich beschuldigt. Nach dem Befuch wurde er auf Antrag seines Anwalts noch am späten Abend als Person freigelassen, die keine Gefahr darstelle. Am Morgen des 9. Oktober erklärte der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Heorhii Tykhyi, Mykhailo Tkach sei freigelassen worden. Innenminister Gerhard Karner begründete die Festnahme öffentlich mit einem Spionageverdacht, während die österreichische Staatsanwaltschaft erklärte, der Verdacht habe sich nicht bestätigt.

Wie ukrainische Quellen darüber berichten

Alle verfügbaren Quellen sind ukrainischsprachige Medien, die den Schwerpunkt auf die Ukrajinska Pravda als Herkunftsmedium der Journalisten legen und Bondarenkos erste-Person-Schilderung der Verletzungen, der Handschellen während der Operation, des Fehlens einer Belehrung über seine Rechte und des beschlagnahmten norwegischen Pressefreiheitspreises betonen. Ukrainische Quellen stellen die redaktionelle Mission der Journalisten — die Suche nach dem flüchtigen Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko — in den Vordergrund und rahmen das Vorgehen Österreichs als unverhältnismäßige Gewalt gegen arbeitende Journalisten. Sie heben institutionelle und zivilgesellschaftliche Reaktionen hervor: die Erklärung des MFA-Sprechers zur Freilassung Tkachs, die Berichte der Ukrajinska-Pravda-Chefredakteurin Sevgil Musajewa über die Verletzungen, die Forderung des Mediaruch nach einer Untersuchung sowie den Besuch eines ukrainischen Konsuls namens Jurij bei Bondarenko in der Untersuchungshaft. Die Formulierung „wie Terroristen", die Tkach zugeschrieben wird, sowie der Kontrast zwischen der Spionage-Rahmung durch den Innenminister und der Erklärung der Staatsanwaltschaft, der Verdacht sei nicht bestätigt worden, werden besonders hervorgehoben.

Wo die Berichte auseinandergehen

Innenminister Gerhard Karner erklärte öffentlich, die beiden Journalisten seien wegen Spionageverdachts festgenommen worden, während die österreichische Staatsanwaltschaft später mitteilte, der Spionageverdacht habe sich nicht bestätigt — eine direkte Diskrepanz zwischen zwei österreichischen Institutionen. Darüber hinaus sagte Innenminister Karner laut ukrainischer Berichterstattung, neben Tkach und Bondarenko seien zwei weitere Ukrainer in dem Fall festgenommen worden; die ukrainische Berichterstattung und Bondarenkos eigene detaillierte Schilderung konzentrieren sich ausschließlich auf die beiden Journalisten und erwähnen keine weiteren ukrainischen Festgenommenen.

Hintergrund

Mykhailo Tkach leitet die investigative Redaktion der Ukrajinska Pravda, Yaroslav Bondarenko ist Kameramann der Redaktion. Die beiden hielten sich in Wien im Rahmen einer redaktionellen Recherche auf, die mit der Suche nach Ruslan Kravchenko verbunden war, der von der Ukrajinska Pravda als flüchtiger ehemaliger Generalstaatsanwalt der Ukraine beschrieben wird. Die Festnahme der Journalisten und die Spionagevorwürfe wurden von den Journalisten und ihrem Medium in den Kontext ihrer journalistischen Arbeit gestellt.