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NABU und SAP decken „Operation Karthago“ auf: Korruptionsermittlungen erschüttern ukrainische Generalstaatsanwaltschaft

Die ukrainischen Anti-Korruptions-Behörden NABU und SAP haben am 4. September die „Operation Karthago" vorgestellt, die eine kriminelle Organisation aufdecken soll, die unter Führung eines Beamten der Generalstaatsanwaltschaft (OГП) ein Netzwerk betrügerischer Callcenter gedeckt und Gewinne legalisiert haben soll. In der Nacht zum 5. September führten NABU-Ermittler Durchsuchungen in Diensträumen von Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko, seiner ersten Stellvertreterin Maria Vdovychenko und weiteren OГП-Mitarbeitern durch. Kravchenko wies jede Verwicklung zurück, ordnete die Suspendierung und Entlassung des betroffenen Mitarbeiters an und kündigte die Überprüfung der zuständigen Abteilungen an.

Das Wichtigste

  • NABU und SAP stellten am 4. September die „Operation Karthago" vor, in der sie eine kriminelle Organisation aufdeckten, die mutmaßlich von einem Beamten der Generalstaatsanwaltschaft geführt wurde.
  • In der Nacht zum 5. September führten NABU-Ermittler Durchsuchungen in Diensträumen von Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko, seiner ersten Stellvertreterin Maria Vdovychenko und weiteren OГП-Mitarbeitern durch; die OГП bestätigte die Durchsuchungen.
  • Medienberichten zufolge wurde am Abend des 4. September Serhij Kropyva (Dienstbezeichnung „Kanzler") festgenommen, stellvertretender Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit der OГП.
  • Bisher wurden fünf Verdächtige im Rahmen der Artikel 255 (Gründung/Leitung einer kriminellen Organisation) und 209 (Geldwäsche) des ukrainischen Strafgesetzbuchs identifiziert; die Höchststrafe beträgt 15 Jahre Haft.
  • NABU-Aufzeichnungen enthalten einen als „Shef" bezeichneten Akteur, der als ehemaliger Leiter des Staatlichen Steuerdienstes mit dem Patronym „Andrijowytsch" beschrieben wird – diese Merkmale entsprechen Kravchenko, obwohl NABU ihn nicht namentlich genannt hat.
  • Die OГП erklärte, die im Durchsuchungsbeschluss zitierten Gespräche beträfen lediglich Haushaltsangelegenheiten und enthielten keine direkten Beweise dafür, dass Kravchenko Callcenter gedeckt oder Erlöse entgegengenommen habe; sie fordert eine rechtliche Bewertung der nächtlichen Durchsuchungen.
  • Generalstaatsanwalt Kravchenko bestritt öffentlich jede Verwicklung in die Deckung von Callcentern, erklärte den betroffenen OГП-Mitarbeiter für suspendiert und ordnete dessen Entlassung sowie Polygraph-Tests für alle betroffenen Mitarbeiter an.

Warum es wichtig ist

Der Fall trifft das Herz des ukrainischen Rechtsstaats: Eine Anti-Korruptions-Ermittlung zielt direkt auf die Spitze der Generalstaatsanwaltschaft und damit auf eine der mächtigsten Strafverfolgungsbehörden des Landes. Da investigative Marker auf Generalstaatsanwalt Kravchenko als mutmaßlichen „Shef" in den NABU-Aufzeichnungen hindeuten, könnte das Verfahren über seinen Verbleib im Amt entscheiden. Zugleich offenbart die Operation das Ausmaß der betrügerischen Callcenter-Ökonomie in der Ukraine und den mutmaßlich systemischen Schutz durch Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden – mit direkten Auswirkungen auf EU-Bürger, die von ukrainischen Callcentern um Millionenbeträge betrogen werden. Der Fall ist ein Lackmustest für die Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit von NABU und SAP.

Was geschehen ist

Am 4. September 2026 stellten das Nationale Anti-Korruptions-Büro (NABU) und die Spezialisierte Anti-Korruptions-Staatsanwaltschaft (SAP) die „Operation Karthago" vor. Den Ermittlungen zufolge hatte ein Leiter einer Struktureinheit der Generalstaatsanwaltschaft (OГП) Mitte 2025 eine kriminelle Organisation aufgebaut, die systematisch Schutzgelder von betrügerischen Callcentern kassierte, die ukrainische und ausländische Bürger betrogen. Die Erlöse wurden demnach durch den Erwerb von Immobilien, Schmuck und Wertgegenständen im Wert von über 20 Mio. UAH sowie durch Einlagen von über 10 Mio. UAH auf Bankkonten nahestehender Personen legalisiert; der Organisator soll zudem Elit-Immobilien nahe den Karpaten im Wert von mindestens 12 Mio. UAH erworben haben. In der Nacht zum 5. September führten NABU-Ermittler Durchsuchungen in Diensträumen durch, die von Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko, seiner ersten Stellvertreterin Maria Vdovychenko und weiteren OГП-Mitarbeitern genutzt werden; die OГП bestätigte die Durchsuchungen. Am Abend des 4. September wurde nach Medienberichten Serhij Kropyva, stellvertretender Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit der OГП und in den Aufzeichnungen als „Kanzler" geführt, festgenommen; laut „Ukrajinska Prawda" erfolgte die Festnahme in Lwiw, als er sich mutmaßlich in Richtung Grenze bewegte. Das Выщо антикорупційний суд (ВАКС) ordnete am 6. September für Kropyva Untersuchungshaft bis zum 2. November mit einer alternativen Kaution von 120 Mio. UAH an; die Staatsanwaltschaft hatte zuvor 200 Mio. UAH gefordert. NABU veröffentlichte Aufzeichnungen, in denen neben „Kanzler" eine als „Shef" bezeichnete Person auftaucht – beschrieben als ehemaliger Leiter des Staatlichen Steuerdienstes, mit dem Patronym „Andrijowytsch" angesprochen; diese Marker entsprechen Kravchenko, ohne dass NABU ihn namentlich genannt hat. Generalstaatsanwalt Kravchenko bestritt öffentlich jede Verwicklung, suspendierte den betroffenen OГП-Mitarbeiter und ordnete dessen Entlassung sowie Polygraph-Tests und eine Überprüfung der zuständigen Abteilungen an. Das OГП erklärte, die Durchsuchungen mitgetragen zu haben, forderte aber eine rechtliche Bewertung des Umfangs, in dem Ermittler Zugang zu Materialien nicht verwandter Strafverfahren – darunter Verfahren zu möglichen rechtswidrigen Handlungen von NABU- und SAP-Mitarbeitern – erlangt hätten.

Wo die Berichte auseinandergehen

Zwischen den Quellen bestehen mehrere wesentliche Differenzen. Erstens widersprechen sich die Angaben zum Aufenthaltsort von Kravchenko nach Beginn der Operation: „Ukrajinska Prawda"-Quellen berichteten, er sei über 12 Stunden nicht auffindbar gewesen; „ZN.UA"-Quellen lokalisierten ihn in der „Dobrobut"-Klinik in Kiew; die OГП-Sprecherin, Kravchenko selbst und die Dobrobut-Klinik bestritten einen Klinikaufenthalt und erklärten, er sei an seinem Arbeitsplatz. Zweitens ist offen, ob Kravchenko die in den NABU-Aufzeichnungen als „Shef" bezeichnete Person ist – NABU hat ihn nicht namentlich genannt und keine Verdachtsmeldung zugestellt, während die biografischen Marker (ehemaliger Steuerdienstleiter, Patronym „Andrijowytsch") auf ihn hindeuten und Medien ihn identifizieren; Kravchenko weist jede Verwicklung zurück. Drittens bestreitet die OГП, dass die Durchsuchungen ordnungsgemäß autorisiert waren, und beanstandet, dass NABU-Ermittler Zugang zu Materialien nicht verwandter Strafverfahren – darunter Verfahren zu möglichen rechtswidrigen Handlungen von NABU- und SAP-Mitarbeitern – erlangt hätten; NABU/SAP haben sich zu diesem Vorwurf öffentlich nicht geäußert. Viertens divergieren die Angaben zur Höhe der gewaschenen Erlöse: Die meisten Quellen nennen über 20 Mio. UAH für Immobilien/Schmuck, über 10 Mio. UAH auf Bankkonten und mindestens 12 Mio. UAH für Karpaten-Immobilien des Organisators; eine quellengestützte Zahl lautet über 30 Mio. UAH insgesamt; im Kropyva-Verfahren wurde zusätzlich eine verdachtspezifische Summe von 89,9 Mio. UAH in zwei Episoden genannt. Fünftens wird in ukrainischen Medien berichtet, Präsident Selenskyj habe Kravtschenkos Entlassung erwogen, sei jedoch vom Fraktionsvorsitzenden „Diener des Volkes" Dawyd Arachamija zum Abwarten gebracht worden – weder das Präsidentenbüro noch Arachamija haben dies öffentlich bestätigt.

Hintergrund

Die Nationale Anti-Korruptions-Büro (NABU) und die Spezialisierte Anti-Korruptions-Staatsanwaltschaft (SAP) sind die zentralen ukrainischen Institutionen zur Bekämpfung von Korruption auf höchster Ebene. Die Operation „Karthago" betrifft Vorwürfe, wonach ein Netzwerk betrügerischer Callcenter in der Ukraine – das ukrainische und ausländische Bürger, darunter EU-Bürger, um erhebliche Summen betrügt – durch Beamte der Generalstaatsanwaltschaft gegen systematische Bestechungsgelder geschützt wurde. Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko hatte von Dezember 2024 bis Juni 2025 den Staatlichen Steuerdienst geleitet, bevor er zum Generalstaatsanwalt ernannt wurde; in den NABU-Aufzeichnungen wird die Figur „Shef" als ehemaliger Leiter des Staatlichen Steuerdienstes mit dem Patronym „Andrijowytsch" beschrieben, was zu Kravtschenkos Markern passt – NABU hat ihn jedoch nicht namentlich benannt. Nach NABU-Erkenntnissen existieren in der Ukraine mutmaßlich rund 2.000 betrügerische Callcenter; die Untersuchung konzentriert sich auf ein „Single Window"-System monatlicher Schutzgeldzahlungen, die über mehrere Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden verteilt worden sein sollen.