Ukrainische Anti-Korruptionsbehörden nehmen ranghohen Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft fest
Die ukrainischen Anti-Korruptionsbehörden NABU und SAP haben am 4. September die Operation „Karthago" vorgestellt, die eine kriminelle Organisation um den stellvertretenden Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit der Generalstaatsanwaltschaft, Serhij Kropywa, aufdecken soll. Am 6. September verhängte das Hohe Anti-Korruptionsgericht (ВАКС) gegen Kropywa Untersuchungshaft mit einer Alternativkaution von 120 Millionen Hrywnja. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, als „Vertrauensperson" von Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko gehandelt zu haben.
Das Wichtigste
- NABU und SAP stellten am 4. September die Operation „Karthago" vor; fünf Personen wurden wegen Bildung einer kriminellen Organisation und Geldwäsche nach Art. 255 und 209 des ukrainischen Strafgesetzbuchs angeklagt (bis zu 15 Jahre Haft).
- Am 6. September verhängte das Hohe Anti-Korruptionsgericht Untersuchungshaft gegen Serhij Kropywa mit Alternativkaution von 120 Mio. Hrywnja; die Staatsanwaltschaft hatte 200 Mio. Hrywnja beantragt.
- Kropywa ist nach Angaben der Ermittler stellvertretender Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit der Generalstaatsanwaltschaft und arbeitet dort seit August 2025; in den NABU-Aufnahmen wird er als „Kanzler" bezeichnet.
- Die Staatsanwaltschaft (SAP) erklärte in der Haftanhörung, Kropywa habe Reparaturen im Haus von Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko in Kosyn koordiniert, bei einem US-Visum für Krawtschenkos Ehefrau geholfen und die Geburtstagsfeier in Madrid organisiert.
- Krawtschenko veröffentlichte am 6. September eine Erklärung, in der er jede Verbindung zur vermeintlichen Schutzherrschaft über illegale Callcenter bestritt und ankündigte, Kropywa von seinen Aufgaben zu entheben und seine Entlassung vorbereiten zu lassen.
- NABU-Ermittler nahmen Kropywa am Abend des 4. September fest; die Generalstaatsanwaltschaft bestritt zunächst Durchsuchungen bei Krawtschenko, bestätigte am 5. September jedoch nächtliche Ermittlungshandlungen in ihren Diensträumen.
Warum es wichtig ist
Der Fall betrifft den stellvertretenden Leiter einer Abteilung der Generalstaatsanwaltschaft – jener Behörde, die eigentlich für die Verfolgung solcher Schemata zuständig ist. Die Staatsanwaltschaft (SAP) wirft Kropywa vor, als „Vertrauensperson" von Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko gehandelt zu haben, was Fragen zur Integrität der obersten ukrainischen Strafverfolgungsbehörde aufwirft. Der Vorgang ist Teil einer Reihe hochrangiger NABU/SAP-Operationen gegen Korruption in Justiz und Strafverfolgung und hat zu einer institutionellen Konfrontation zwischen der Generalstaatsanwaltschaft und den Anti-Korruptionsbehörden geführt.
Was geschehen ist
Am 4. September stellten das Nationale Anti-Korruptionsbüro (NABU) und die Spezialisierte Anti-Korruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) die Operation „Karthago" vor, mit der eine kriminelle Organisation um einen leitenden Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft aufgedeckt werden soll. Die Gruppe soll ab Mitte 2025 systematisch Bestechungsgelder von betrügerischen Callcentern erpresst und die Erlöse gewaschen haben; fünf Personen wurden wegen Bildung einer kriminellen Organisation und Geldwäsche angeklagt. Am Abend des 4. September wurde der stellvertretende Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit, Serhij Kropywa, in den NABU-Aufnahmen als „Kanzler" bezeichnet, festgenommen. Am 6. September verhängte das Hohe Anti-Korruptionsgericht (ВАКС) unter Richter Viktor Maslow gegen Kropywa Untersuchungshaft mit einer Alternativkaution von 120 Mio. Hrywnja; die Staatsanwaltschaft hatte 200 Mio. Hrywnja beantragt. Bei der Haftanhörung trug ein SAP-Staatsanwalt Ermittlungsergebnisse vor, wonach Kropywa Reparaturen im Haus von Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko in Kosyn (Kiewer Gebiet) koordiniert habe – darunter Gasgenerator, Videoüberwachung und Internetanschluss –, bei der Beschaffung eines US-Visums für Krawtschenkos Ehefrau geholfen und die Geburtstagsfeier des Generalstaatsanwalts in Madrid mit der Buchung eines Hotels und von Restaurants organisiert habe. Die Staatsanwaltschaft erklärte Kropywa zur „Vertrauensperson" des Generalstaatsanwalts. Generalstaatsanwalt Krawtschenko veröffentlichte am 6. September eine Erklärung, in der er jede Verbindung zur Schutzherrschaft über illegale Callcenter bestritt, den in der Ermittlung genannten Mitarbeiter von seinen Aufgaben entband und die Vorbereitung seiner Entlassung anordnete. Er kündigte zudem Überprüfungen der Abteilung für internationale Zusammenarbeit und der Abteilung für Cyberkriminalitätsbekämpfung sowie Polygraphentests für betroffene Mitarbeiter an. Die Generalstaatsanwaltschaft bestritt zunächst, dass am Abend des 4. September Durchsuchungen in Krawtschenkos Wohnung oder Büro stattgefunden hätten, bestätigte am 5. September jedoch, dass NABU-Ermittler um Mitternacht in Diensträumen der Behörde, die vom Generalstaatsanwalt und seinem ersten Stellvertreter genutzt werden, Ermittlungshandlungen durchgeführt hätten.
Wie internationale Quellen darüber berichten
Alle in den Eingabedaten aufgeführten Quellen stammen aus der Ukraine (Länderkürzel UA, ukrainischsprachig, Agenturen und Medien). Es liegen keine Quellen mit internationaler Verortung vor; eine vergleichende Einordnung aus nicht-ukrainischer Perspektive lässt sich aus dem vorliegenden Material nicht ableiten.
Wo die Berichte auseinandergehen
Mehrere Punkte werden in den ukrainischen Quellen unterschiedlich dargestellt. Kropywas genaue Position wird teils als Leiter der Cyberabteilung, teils als stellvertretender Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit der Generalstaatsanwaltschaft beschrieben. Für Krawtschenkos Geburtstag werden sowohl der 4. März als auch der 14. März angegeben. Ob am Abend des 4. September Durchsuchungen in Krawtschenkos Wohnung oder Büro stattfanden, bestritt die Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft, Marijana Hajowska; Quellen aus der „Ukrajinska Prawda" berichten hingegen von Durchsuchungen auch bei Krawtschenko, seiner Stellvertreterin Marija Wdowytschenko und dem Leiter der Oblast-Verwaltung Odessa, Oleh Kiper. Die Größe des Hauses in Kosyn wird von Bihus.Info mit rund 300 m² angegeben, von Krawtschenko mit 280 m². Berichte, wonach Krawtschenko während der Durchsuchungen mehr als 12 Stunden nicht auffindbar gewesen sei und sich laut ZN.UA-Quellen in der „Dobrobut"-Klinik in Kiew aufgehalten habe, wies Krawtschenko selbst als unwahr zurück. Während die SAP-Staatsanwälte behaupten, Kropywa habe für Krawtschenkos Ehefrau einen neuen Laptop angeschafft, bestritt dies Krawtschenko. Ob das Haus in Kosyn hätte deklariert werden müssen, ist ebenfalls umstritten: Krawtschenko verweist auf die Aufnahme in seine Erklärung für 2026 und die erstmalige Nutzung; Antikorruptionsbeobachter verweisen auf das Fehlen des Hauses und seiner Ehefrau in der Erklärung für 2025.
Hintergrund
Operation „Karthago" wurde am 4. September von NABU und SAP vorgestellt; fünf Personen wurden wegen Bildung und Leitung einer kriminellen Organisation sowie Geldwäsche nach Art. 255 und 209 des ukrainischen Strafgesetzbuchs angeklagt, wobei Haftstrafen bis zu 15 Jahren drohen. Serhij Kropywa arbeitet nach Angaben der Ermittler seit August 2025 in der Staatsanwaltschaft und wird in den NABU-Materialien als „Kanzler" ("Канцлер") bezeichnet. Die Gruppe soll Mitte 2025 gegründet worden sein und ein System systematischer Bestechungsgelder von betrügerischen Callcentern betrieben haben; die Teilnehmer sollen laut Anklage über 20 Mio. Hrywnja an Immobilien und Vermögenswerten erlangt haben, weitere über 10 Mio. Hrywnja könnten auf Konten von Verwandten liegen. Von Dezember 2024 bis Juni 2025 leitete Ruslan Krawtschenko die Staatliche Steuerdienststelle, bevor er zum Generalstaatsanwalt ernannt wurde; Lesja Karnauch ist seitdem kommissarische Leiterin der Steuerbehörde. Journalisten von Bihus.Info lokalisierten ein rund 300 m² großes Haus in Kosyn (Kiewer Gebiet), das Krawtschenko nutzen soll und Anfang 2026 auf eine 73-jährige Frau eingetragen wurde, die nicht in seiner Deklaration als Verwandte aufgeführt ist; Krawtschenko gibt an, seine Familie miete ein 280 m² großes Haus in Kosyn und sei am 1. Mai 2026 dort eingezogen.