Russland setzt massenhaft Trainings-Raketen RM-48U gegen die Ukraine ein
Die russische Armee hat in den Sommermonaten in großem Umfang RM-48U-Raketen auf die Ukraine abgefeuert – Marschflugkörper, die zuvor nur als Übungszielflugkörper für Flugabwehrbesatzungen dienten. Im Juli entfielen nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft 87 von 158 ballistischen und Hyperschallraketen auf den Typ RM-48U, der aus Komponenten des Flugabwehrsystems S-400 zusammengebaut ist. Westliche Analysten werten den verschärften Einsatz als Strategie, ukrainische Abfangraketen aufzubrauchen und Iskander-, KN-23- und Zirkon-Reserven für eine Winteroffensive aufzusparen.
Das Wichtigste
- Im Juli feuerte Russland 158 ballistische und Hyperschallraketen auf die Ukraine ab – so viele wie in keinem Monat seit Beginn der Vollinvasion 2022.
- Davon waren 87 Raketen vom Typ RM-48U; nach Berechnungen der Generalstaatsanwaltschaft machten RM-48U über die Hälfte der 228 ballistischen und Hyperschallraketen in Juli und Anfang August aus.
- Die Zahl der Iskander-Starts sank im Juli auf 38, verglichen mit über 100 im Vormonat.
- Die RM-48U ist einstufig, mit Feststoffantrieb, ballistischer Flugbahn bei 4–6 Mach, Reichweite bis 400 km und einem 199-kg-Streusprengkopf; die mittlere Zielabweichung liegt bei rund 300 Metern.
- Der ukrainische Militärnachrichtendienst HUR nennt die RM-48U ein ballistisches „Frankenstein“-Geschoss: Feststofftriebwerk und Hecksektion stammen von Flugabwehrraketen der Systeme S-300PMU1/2 und S-400.
- Nach HUR-Angaben will Russland die Produktion von RM-48U in diesem Jahr von über 200 auf über 480 Stück mehr als verdoppeln.
- Das Institute for the Study of War (ISW) schätzt die russischen Reserven auf etwa 100 Iskander und rund 400 RM-48U; RUSI veranschlagt die Iskander-Produktion auf etwa 750 Stück pro Jahr.
- Beim Einschlag auf dem Bahnsteig „Kvitneva“ im Rajon Browary, Oblast Kyjiw, am 5. August starben acht Menschen – laut Ermittlungen wurde er durch eine RM-48U und nicht durch eine Iskander-M verursacht.
Warum es wichtig ist
Russland hat eine zuvor nur zu Übungszwecken verwendete Rakete industrialisiert und will deren Produktion in einem einzigen Jahr mehr als verdoppeln. Der Masseneinsatz zielt darauf ab, die ohnehin knappen ukrainischen Abfangraketen-Reserven aufzureiben, während Iskander, KN-23, Kinzhal und Zirkon für eine Winteroffensive zurückgehalten werden. Der Juli markierte zudem den höchsten monatlichen Ausstoß an ballistischen und Hyperschallraketen seit Beginn der Vollinvasion 2022.
Was geschehen ist
Die russische Armee hat im Sommer 2025 erstmals im großen Stil RM-48U-Raketen gegen Ziele in der Ukraine eingesetzt. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft stellten RM-48U über die Hälfte der 228 ballistischen und Hyperschallraketen, die im Juli und Anfang August auf die Ukraine abgefeuert wurden. Allein im Juli waren es 87 von 158 Raketen – der höchste Monatswert seit Beginn der Vollinvasion. Die Starts von Iskander-Raketen gingen im selben Zeitraum auf 38 zurück, verglichen mit über 100 im Juni.
Die RM-48U ist ein einstufiger Feststofftriebwerks-Flugkörper, der ballistisch mit 4–6 Mach fliegt, eine Reichweite von bis zu 400 km hat und mit einem 199-kg-Streusprengkopf bestückt ist. Die mittlere Zielabweichung liegt bei etwa 300 Metern. HUR bezeichnet den Flugkörper als ballistisches „Frankenstein“-Geschoss, zusammengesetzt aus dem Triebwerk der S-400-Lenkwaffe 48N6DM und der Hecksektion der Exportversion 48N6E2 für S-300PMU1/2 und S-400. Für RM-48U-Angriffe hat die russische Armee eigene taktische Raketeneinheiten mit Funksteuerung aufgestellt.
Nach HUR-Angaben plant Russland, die Produktion in diesem Jahr von über 200 auf mehr als 480 RM-48U zu steigern. Das Institute for the Study of War (ISW) schätzt die russischen Reserven auf etwa 100 Iskander und rund 400 RM-48U; RUSI veranschlagt die Iskander-Produktion auf etwa 750 Stück pro Jahr, limitiert durch die Verfügbarkeit von Feststofftriebwerken.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Die ukrainische Berichterstattung stützt sich vorrangig auf Daten der Generalstaatsanwaltschaft und des ukrainischen Militärnachrichtendienstes HUR, die Zahlen zu Raketenzusammensetzung, monatlichen Starts und Reserven liefern. Besonders hervorgehoben wird der Einschlag am Bahnsteig der Vorortstation „Kvitneva“ im Rajon Browary, Oblast Kyjiw, am 5. August, bei dem acht Menschen starben und der laut Ermittlungen durch eine RM-48U und nicht durch eine Iskander-M verursacht wurde – ein Beleg für die zivilen Folgen des umfunktionierten Flugkörpers. Die von HUR geprägte Bezeichnung „Frankenstein“ unterstreicht die Lesart, dass Russland Raketen aus Flugabwehrkomponenten zusammenflickt und damit unter Druck bei der konventionellen Raketenproduktion steht.
Wie internationale Quellen darüber berichten
Der zentrale westliche Experte in der Berichterstattung ist Sidharth Kaushal, Senior Fellow beim Londoner Thinktank RUSI. Die ukrainischen Medien geben dessen Einschätzung wieder, dass der Masseneinsatz der RM-48U ukrainische Abfangraketen aufreiben und Iskander, KN-23 und Zirkon für die Winterkampagne schonen soll. Originäre westliche Berichterstattung vom Boden liegt der Darstellung nicht zugrunde; die strategische Deutung kommt wesentlich vom RUSI-Analysten.
Wo die Berichte auseinandergehen
Die Angaben zu Beständen und Produktion weichen voneinander ab: Das Institute for the Study of War (ISW) beziffert die russischen Reserven auf etwa 100 Iskander und rund 400 RM-48U, während RUSI die jährliche Iskander-Produktion auf rund 750 Stück schätzt.
Hintergrund
Die Bezeichnung „RM“ steht für „raketa-mishen“ (Zielrakete); die RM-48U wurde ursprünglich als Übungszielflugkörper für Flugabwehrbesatzungen entwickelt. Sie ist einstufig, fliegt mit Feststoffantrieb ballistisch bei 4–6 Mach, hat eine angegebene Reichweite von bis zu 400 km und trägt einen 199-kg-Streusprengkopf. Die Kombination aus Trägheits- und Satellitennavigation auf Basis der Empfänger „Kometa-R12“ ergibt eine mittlere Zielabweichung von etwa 300 Metern – weniger präzise als der Iskander, aber durch die Streuwirkung des Sprengkopfs weiterhin gefährlich. Für RM-48U-Angriffe hat die russische Armee eigene taktische Einheiten mit Funksteuerung aufgestellt.