Recherche: Russland nutzt westliche Tech-Plattformen zur Anwerbung von Söldnern für den Krieg gegen die Ukraine
Eine Untersuchung von Politico auf Basis eines Berichts der Organisation Code for Africa zeigt, dass Russland für die Rekrutierung ausländischer Kämpfer gegen die Ukraine Werbe-, KI- und Hosting-Technologien westlicher Unternehmen nutzt – darunter Meta, Google sowie Anbieter aus den USA, Schweden, Österreich und den Niederlanden. Die Forscher identifizierten 89 Webseiten, sieben Social-Media-Konten und 39 Messenger-Kanäle; Zielgruppe sind junge arbeitslose Männer in Afrika, Asien und Belarus.
Das Wichtigste
- 89 Webseiten, 7 Social-Media-Konten (u. a. bei Facebook) und 39 Messenger-Konten oder -Kanäle wurden in den Rekrutierungsoperationen identifiziert
- Zielgruppe sind junge Männer aus Afrika, Asien und Belarus, die von Arbeitslosigkeit oder prekärer Beschäftigung betroffen sind
- Eine Anzeige war als „globales Casting" für einen Film getarnt und wurde über eine in Deutschland registrierte Facebook-Seite verbreitet
- Der Account „IRC Russian Bear" warb mit 15.000 US-Dollar bei Vertragsunterschrift und 3.000 US-Dollar Monatsgehalt
- Die Hauptmarke der Rekrutierung lag auf einem Server in Amsterdam; Webseiten wurden mit KI-Tools aus den USA und Schweden erstellt
- Ein österreichisches Software-Unternehmen sammelte personenbezogene Daten von Interessenten, die anschließend nach Russland weitergeleitet wurden
- Meta hat laut Code for Africa bislang über 300 Werbekampagnen der Anwerber entfernt
Warum es wichtig ist
Die Recherche belegt, dass ein staatlich verknüpftes Rekrutierungsnetzwerk systematisch kommerzielle westliche Dienste ausnutzt, um Personal für den Krieg zu beschaffen. Sie zeigt zudem Lücken in der Plattformdurchsetzung: Meta hat bisher erst rund 300 Werbekampagnen entfernt, während täglich neue Rekrutierungsangebote auftauchen. KI-generierte Inhalte und westliche Infrastruktur – Amsterdam, USA, Schweden, Österreich, Deutschland – werden gezielt als Rekrutierungswerkzeuge eingesetzt. Besonders auffällig ist die sprachliche Ungleichbehandlung: Googles KI-generierte Suchübersichten zeigen Risikohinweise für Nutzer in EU-Sprachen deutlich prominenter als in anderen Sprachen, was nicht-europäische Nutzer stärker gefährdet.
Was geschehen ist
Politico veröffentlichte eine Recherche, die auf einem Bericht der Organisation Code for Africa basiert. Demnach nutzt ein mit Russland in Verbindung stehendes Söldner-Rekrutierungsnetzwerk Werbe- und Tracking-Technologien von Meta und Google, um potenzielle Rekruten zu erreichen und die Wirksamkeit der Kampagnen zu messen. Die Forscher identifizierten 89 Webseiten, sieben Social-Media-Konten – darunter eines auf Facebook – sowie 39 Messenger-Konten oder -Kanäle; täglich entstünden neue Ressourcen. Zielgruppe sind junge Männer aus armen Arbeitsmärkten in Afrika, Asien und Belarus. Eine der Anzeigen war als „globales Casting" für einen Film mit dunkelhäutigen männlichen Darstellern getarnt und enthielt ein KI-generiertes Bild dunkelhäutiger Männer in Militäruniformen mit dem Text „Dreharbeiten 2025". Diese Anzeige wurde über eine in Deutschland registrierte Facebook-Seite geschaltet. Eine weitere Anzeige des Accounts „IRC Russian Bear" zeigte einen dunkelhäutigen Soldaten mit aufgenähten russischen Flaggen auf der Uniform und versprach 15.000 US-Dollar bei Vertragsunterzeichnung sowie ein Monatsgehalt von 3.000 US-Dollar. Die zentrale Rekrutierungsmarke wurde auf einem Server in Amsterdam gehostet; die Webseiten wurden mit KI-Werkzeugen von Firmen aus den USA und Schweden erstellt. Ein österreichisches Softwareunternehmen sammelte personenbezogene Daten der Interessenten und leitete sie nach Russland weiter. Laut Code-for-Africa-Direktor Justin Arenstein hat Meta mehr als 300 Werbekampagnen der Anwerber entfernt. Suchanfragen aus dem EU-Raum zu vertragsmäßigem Dienst für Ausländer in der russischen Armee – auf Russisch oder Englisch – führen Nutzer direkt auf Seiten der Anwerber. Google-Sprecher Alex McPhillips bestritt hingegen, dass die meisten genannten Seiten Google-Werbung genutzt hätten, und kündigte an, das Unternehmen „prüfe aktiv" alle Fakten des Berichts.
Wo die Berichte auseinandergehen
Google-Sprecher Alex McPhillips bestritt die Aussage der Recherche, dass die meisten genannten Rekrutierungsseiten Google-Werbung genutzt hätten. Code for Africa und Politico halten hingegen an ihren Erkenntnissen fest. Google erklärte zudem, das Unternehmen „prüfe aktiv" alle im Bericht genannten Fakten und verwies auf strenge Richtlinien sowie Produkt-Governance-Systeme zum Schutz der Nutzer.
Hintergrund
Russland rekrutiert laut Bericht ausländische Kämpfer, um eigene Verluste auszugleichen, ohne neue Mobilisierungswellen auszulösen, die innergesellschaftliche Spannungen verschärfen würden, und um auf günstigere und politisch weniger sensible menschliche Ressourcen zurückzugreifen. Der kenianische Abgeordnete Kimani Ichung'wah hat in der Zeitung Le Monde behauptet, mehr als 1.000 kenianische Staatsbürger kämpften gegen die Ukraine. Im Jahr 2023 wurden in Kuba 17 Menschen festgenommen, die verdächtigt wurden, Menschen für den Kampf gegen die Ukraine zu rekrutieren. Der European Council on Foreign Relations (ECFR) hat zudem ein Netzwerk aufgedeckt, das afrikanische Frauen für die Arbeit in russischen Drohnen- und Waffenfabriken anwirbt. Kenias Außenminister Musalia Mudavadi hatte das Thema der Ausländerrekrutierung im März gegenüber dem russischen Außenminister Sergej Lawrow angesprochen; der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa soll es laut Berichten direkt mit Wladimir Putin erörtert haben.