Ukraine überstellt zwei norddeutsche Kriegsgefangene an Südkorea – diplomatischer Streit eskaliert
Die Ukraine hat zwei in der russischen Region Kursk gefangen genommene nordkoreanische Soldaten an Südkorea übergeben. Präsident Wolodymyr Selenskyj erwähnte die Überstellung am 23. September während der UN-Generalversammlung. Südkorea wirft der Ukraine daraufhin vor, eine Vereinbarung zur Vertraulichkeit gebrochen zu haben – was die Ukraine bestreitet.
Das Wichtigste
- Ukraine übergab zwei nordkoreanische Kriegsgefangene an Südkorea; die Soldaten waren im Januar 2025 in der russischen Region Kursk gefangen genommen worden.
- Am 23. September gab Präsident Wolodymyr Selenskyj die Überstellung während der UN-Generalversammlung bekannt.
- Am 24. September warf der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung der Ukraine vor, eine Vertraulichkeitsvereinbarung verletzt zu haben.
- Die Ukraine bestreitet über ein Quelle im Präsidialamt, dass es eine solche Vereinbarung gegeben habe.
- Südkorea bestellte den ukrainischen Geschäftsträger Andrii Weschkin ins Außenministerium und äußerte ernste Besorgnis.
- Südkoreas NIS schätzt, dass rund 9.000 nordkoreanische Soldaten in der Region Kursk im Einsatz waren.
Warum es wichtig ist
Der Vorfall belastet die Beziehungen zwischen der Ukraine und Südkorea, das humanitäre Hilfe leistet, aber bislang keine Waffen liefert. Er zeigt, dass die Präsenz nordkoreanischer Truppen an der Seite Russlands einen neuartigen diplomatischen Kanal zwischen Kiew und Seoul geschaffen hat. Der südkoreanische Geheimdienst wertet Selenskyjs öffentliche Erwähnung als Versuch, politischen Druck für Waffenlieferungen aufzubauen. Zugleich warnen koreanistische Experten, dass die beiden Gefangenen bei einer Rückführung an Kim Jong Un zu Propagandazwecken missbraucht werden könnten.
Was geschehen ist
Die Ukraine übergab zwei nordkoreanische Soldaten, die im Januar 2025 in der russischen Grenzregion Kursk von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen worden waren, an Südkorea. Die beiden Männer hatten nach Angaben des südkoreanischen Nationalen Nachrichtendienstes (NIS) den Wunsch geäußert, sich in Südkorea niederzulassen, und hatten bei ihrer Ankunft Mitte September keine größeren gesundheitlichen Probleme. Am 23. September gab der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Überstellung während der UN-Generalversammlung in New York öffentlich bekannt. Am folgenden Tag warf der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung der Ukraine vor, eine Vertraulichkeitsvereinbarung gebrochen zu haben. Nach Angaben des NIS hatte die ukrainische Seite ursprünglich selbst um Geheimhaltung gebeten, unter anderem aus Sorge vor innenpolitischer Kritik an einer verpassten Möglichkeit zum Gefangenenaustausch. Kiew bestreitet dagegen über eine Quelle im Präsidialamt, dass es eine entsprechende Vereinbarung gegeben habe. Südkorea bestellte den ukrainischen Geschäftsträger Andrii Weschkin ins Außenministerium; Seoul sprach von einem ernsthaften Vertrauensbruch. Eine südkoreanische Zeitung berichtete zudem, Kiew habe Seoul vorab über Selenskyjs geplante Erwähnung informiert und um Verständnis gebeten, was Kiew jedoch nicht als Bruch einer Vereinbarung wertet.
Wie internationale Quellen darüber berichten
Die englischsprachige Berichterstattung rahmt Selenskyjs Ankündigung vor der UN-Generalversammlung als wahrscheinlich kalkulierten Schritt, um die südkoreanische Öffentlichkeit und Politik für Waffenlieferungen an die Ukraine zu mobilisieren. Sie verweist auf eine entsprechende Einschätzung des südkoreanischen Geheimdienstes NIS. Zugleich betont die internationale Berichterstattung die diplomatischen Folgen: die südkoreanische Beschuldigung eines Vertraulichkeitsbruchs, die Vorladung des ukrainischen Geschäftsträgers und das Risiko einer nachhaltigen Beschädigung der bilateralen Beziehungen.
Wo die Berichte auseinandergehen
Strittig ist, ob es zwischen der Ukraine und Südkorea überhaupt eine Vertraulichkeitsvereinbarung zur Überstellung der nordkoreanischen Kriegsgefangenen gab. Südkorea – einschließlich des NIS und des Präsidialamts – vertritt die Auffassung, dass Kiew selbst um Geheimhaltung gebeten habe und beide Seiten sich auf Vertraulichkeit geeinigt hätten. Die Ukraine weist dies zurück und bestreitet über eine Quelle im Präsidialamt die Existenz einer solchen Vereinbarung. Südkorea berichtet zudem, die Ukraine habe Seoul über diplomatische Kanäle vorab informiert, dass Selenskyj die Überstellung bei der UN-Generalversammlung erwähnen wolle, und um Verständnis gebeten – aus ukrainischer Sicht bedeutet das Fehlen einer Vereinbarung jedoch keinen Bruch.
Hintergrund
Die beiden nordkoreanischen Soldaten gehörten zu den Tausenden, die Nordkorea zur Unterstützung des russischen Kriegs gegen die Ukraine in die russische Grenzregion Kursk entsandt hatte. Südkoreas NIS schätzt, dass etwa 9.000 nordkoreanische Soldaten in der Region Kursk an Aufklärungsoperationen beteiligt waren. Die beiden Gefangenen hatten in ukrainischer Haft den Wunsch geäußert, sich in Südkorea niederzulassen. Nordkorea hat sich zur Überstellung bisher nicht öffentlich geäußert, frühere größere Überläuferfälle aber als Entführungen oder Lockmittel Südkoreas dargestellt. Südkorea verfolgt traditionell die Linie, keine Waffen an Staaten in aktiven Konflikten zu liefern, und hat der Ukraine bislang humanitäre Hilfe und andere Unterstützung zukommen lassen, ohne Waffen zu liefern.