Bewaffnete Konfrontation zwischen SBU und HUR in Kiew fordert Verletzte – Selenskyj fordert personelle Konsequenzen
Am Morgen des 2. September kam es in der Jurij-Szumskoho-Straße im Kiewer Stadtteil Dnipro zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Operativen des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) und Personal des Militärnachrichtendienstes (HUR) des Verteidigungsministeriums. Medien brachten den Vorfall mit dem Verschwinden des stellvertretenden Kommandeurs des Russischen Freiwilligenkorps (RDK), Stepan Kaplunow, in Verbindung. Präsident Selenskyj verurteilte den Zwischenfall am Abend als „absolut beschämend" und kündigte personelle Entscheidungen an.
Das Wichtigste
- Am 2. September sperrte die Polizei die Jurij-Szumskoho-Straße im Kiewer Stadtteil Dnipro in beide Richtungen; öffentliche Verkehrsmittel wurden umgeleitet.
- SBU und HUR erklärten gemeinsam, sie hätten einen Terroranschlag des russischen FSB gegen einen Führer der russischen Oppositionsbewegung vereitelt, der zur Feier der Unabhängigkeit in die Ukraine gekommen war.
- Der SBU zufolge griff eine bewaffnete Gruppe die SBU-Ermittlungsgruppe an, blockierte Fahrzeuge – das SBU-Spezialeinsatzkommando „Alpha" setzte Schusswaffen ein; bei den Angreifern soll es sich um Angehörige einer Einheit der ukrainischen Streitkräfte gehandelt haben.
- Medienberichten zufolge wurden drei HUR-Angehörige verletzt; Kaplunows Anwalt Taras Borowsky sprach von zwei schwer und einem leicht verletzten HUR-Mitarbeiter.
- Die Generalstaatsanwaltschaft leitete ein Vorverfahren wegen Bedrohung und Angriffs auf das Leben von Strafverfolgungsbeamten ein; Ermittler des Staatlichen Ermittlungsbüros (DBR) trafen am Ort ein.
- Präsident Selenskyj bezeichnete den Vorfall in seiner Abendansprache als „absolut beschämend", sprach mit Generalstaatsanwalt Ruslan Kravtschenko und kündigte Personalentscheidungen sowie interne Untersuchungen in beiden Diensten an.
- Büroleiter des Präsidenten und Ex-HUR-Chef Kyrylo Budanow forderte eine „gründliche und unparteiische" Untersuchung durch das DBR; Berater Dmytro Lytwyn nannte als Adressaten von Selenskyjs Druck den amtierenden SBU-Chef Oleksandr Poklad und HUR-Chef Oleh Iwastschenko.
- Selenskyj unterzeichnete am 2. September einen Erlass zur Entlassung von Oleh Chrамow, Leiter der Abteilung für Staatsgeheimnisschutz und Lizenzierung beim SBU.
Warum es wichtig ist
Eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen zwei ukrainischen Sicherheits- und Nachrichtendiensten mitten in der Hauptstadt während eines Krieges ist ein außergewöhnlicher Vorgang. Dass mehrere HUR-Angehörige verletzt wurden, einer davon Berichten zufolge in Lebensgefahr, und dass der Präsident persönlich personelle Konsequenzen sowie interne Untersuchungen in beiden Diensten forderte, macht den Vorfall zu einer schweren Belastungsprobe für die zivile und militärische Sicherheitsarchitektur der Ukraine. Gleichzeitig verdeutlicht der Streit um die Deutungshoheit – „vereitelter FSB-Terroranschlag" laut SBU und HUR gegen „außerprozessuale Festnahme" laut Anwalt – wie tief das Misstrauen zwischen den Diensten sitzt, gerade im Umgang mit russischstämmigen Freiwilligenformationen wie dem RDK.
Was geschehen ist
Am Morgen des 2. September sperrte die Kiewer Polizei die Jurij-Szumskoho-Straße im Stadtteil Dnipro in beide Richtungen und leitete den öffentlichen Nahverkehr um. Nach Medienberichten fielen in dem Bereich Schüsse; es kam zu einer bewaffneten Konfrontation zwischen Operativen des SBU und Personal des HUR, bei der drei HUR-Angehörige verletzt wurden, davon laut Anwalt zwei schwer und einer leicht. Ermittler des Staatlichen Ermittlungsbüros (DBR) und der Leiter der SBU-Spezialeinheit „Alpha" trafen am Ort ein.
SBU und Generalstaatsanwaltschaft erklärten später am Tag, man habe bei einer Durchsuchung im Rahmen eines vereitelten FSB-Terroranschlags gegen einen Führer der russischen Oppositionsbewegung eine bewaffnete Gruppe festgenommen, die das SBU-Ermittlerteam angegriffen und Fahrzeuge blockiert habe; das SBU-Spezialeinsatzkommando „Alpha" habe Schusswaffen zur Beendigung des bewaffneten Widerstands eingesetzt. Die Festgenommenen gehörten demnach einer Einheit der ukrainischen Streitkräfte an; bei ihnen seien Waffen und Dokumente sichergestellt worden. Die Generalstaatsanwaltschaft eröffnete ein Vorverfahren wegen Bedrohung und Angriffs auf das Leben von Strafverfolgungsbeamten.
Medien und der Anwalt von Stepan Kaplunow, Taras Borowsky, zeichnen ein abweichendes Bild: Danach war Kaplunow bereits am 23. August ohne Haftprotokoll und ohne Verteidiger „entführt" worden; in der Nacht zum 2. September sei das SBU zur Durchsuchung seiner Wohnung erschienen, wobei HUR-Personal und Angehörige der HUR-Spezialeinheit „Tymur" bereits vor Ort gewesen seien. Nach zunächst erfolgreichen Verhandlungen – die Seiten hätten sich die Hände gereicht – habe der „Machtblock" des SBU (5. Abteilung) begonnen, unbewaffnete HUR-Angehörige festzunehmen, und das Feuer eröffnet.
Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach in seiner Abendansprache von einem „absolut beschämenden" Vorfall, kündigte Personalentscheidungen und interne Untersuchungen in beiden Diensten an und unterzeichnete am selben Tag einen Erlass zur Entlassung von Oleh Chrамow, Leiter der Abteilung für Staatsgeheimnisschutz und Lizenzierung beim SBU. Büroleiter und Ex-HUR-Chef Kyrylo Budanow forderte eine „gründliche und unparteiische" Untersuchung durch das DBR; Berater Dmytro Lytwyn erklärte, Selenskyj habe den amtierenden SBU-Chef Oleksandr Poklad und HUR-Chef Oleh Iwastschenko persönlich unter Druck gesetzt, die Öffentlichkeit zu informieren.
Wo die Berichte auseinandergehen
Die Quellen widersprechen sich in drei Punkten. Erstens bei Opferzahl und Verletzungsschwere: Ukrajinska Prawda spricht von drei verletzten HUR-Angehörigen; Anwalt Borowsky nennt zwei Schwer- und einen Leichtverletzten, wobei spätere Aussagen zwischen einem und zwei Schwerverletzten schwanken. Zweitens bei der Frage, wer die Gewalt eröffnete: SBU und Generalstaatsanwaltschaft sprechen von einem bewaffneten Angriff einer Gruppe auf das SBU-Ermittlerteam, woraufhin die SBU-Spezialeinheit „Alpha" Schusswaffen eingesetzt habe; Borowsky und das HUR-nahe Narrativ schildern dagegen, das Feuer sei vom „Machtblock" des SBU gegen unbewaffnete HUR-Angehörige eröffnet worden, nachdem es bereits eine Verständigung per Handschlag gegeben hatte. Drittens bei der Einordnung der zugrundeliegenden Operation: Die offizielle SBU-HUR-Lesart rahmt den Vorfall als vereitelten FSB-Terroranschlag gegen einen namentlich nicht genannten russischen Oppositionspolitiker; Borowsky und Teile der Medien werten dies als Deckmantel für eine „außerprozessuale Festnahme" Kaplunows. Eine offizielle Stellungnahme des HUR zu den Vorgängen liegt laut Synthese nicht vor.
Hintergrund
Stepan Kaplunow ist stellvertretender Kommandeur des Russischen Freiwilligenkorps (RDK), das dem HUR unterstellt sein soll. Das RDK meldete sein Verschwinden am 28. August; sein Anwalt erklärte, er sei bereits am 23. August ohne Haftprotokoll und ohne Verteidiger genommen worden. Medien, darunter LIGA.net, berichteten zudem, Russland habe im Dezember 2025 ein Kopfgeld von 500.000 US-Dollar auf RDK-Chef Denys Kapustin ausgesetzt; die Ukraine habe den Plan aufgedeckt, Kapustins Tod inszeniert und die 500.000 US-Dollar von russischer Seite entgegengenommen. Der jetzige Vorfall fällt zeitlich zusammen mit einer gemeinsamen Erklärung von SBU und HUR, wonach beide Dienste einen FSB-Terroranschlag gegen einen Führer der russischen Oppositionsbewegung vereitelt hätten, der zur Feier des Unabhängigkeitstags in die Ukraine gereist war. Kyrylo Budanow, ehemaliger HUR-Chef und nun Leiter des Präsidialamtes, steht damit zwischen seinem früheren Dienst und dem SBU.