Wadephul: Ukraine soll mehr deutsche Waffen kaufen – und wehrpflichtige Männer zurückholen
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul hat in einem Interview mit Bild erklärt, die Ukraine solle mehr Waffen bei deutschen Herstellern einkaufen, da Deutschland einer der größten Geber Kiews sei und die Aufträge an die eigene Verteidigungsindustrie erwarten dürfe. Gleichzeitig sagte Wadephul, ukrainische Männer im wehrpflichtigen Alter, die sich in Deutschland aufhalten, sollten in die Ukraine zurückkehren; Berlin sei bereit, Kiew bei der Identifizierung dieser Personen anhand von Meldedaten zu helfen – ausdrücklich „ohne Zwang“.
Das Wichtigste
- Wadephul fordert mehr ukrainische Rüstungsaufträge an deutsche Hersteller und verweist auf Deutschlands Status als einem der größten Geber Kiews.
- Deutschland ist nach Wadephuls Worten mit dem derzeitigen Auftragsvolumen „nicht voll zufrieden“.
- Ukrainische Männer im wehrpflichtigen Alter in Deutschland sollen laut Wadephul in die Ukraine zurückkehren – „ohne Zwang“.
- Berlin will der ukrainischen Regierung laut Wadephul Daten zur Identifizierung dieser Männer überlassen, etwa zu Sozialleistungen, Registrierung und Aufenthaltstiteln.
- Wadephul unterstützt eine entsprechende Forderung von CSU-Chef Markus Söder.
- Wadephul sagt, er habe das Thema Rüstungsbeschaffung bei seinem Besuch in Kiew im August mit Präsident Wolodymyr Selenskyj erörtert und Fortsetzung der deutschen Unterstützung zugesichert.
Warum es wichtig ist
Die Aussagen markieren einen Wandel im deutsch-ukrainischen Verhältnis: Militärhilfe wird offener an Erwartungen an die deutsche Rüstungsindustrie geknüpft. Die angebotene Weitergabe von Daten zu wehrpflichtigen Ukrainern in Deutschland wirft Fragen zu Datenschutz und diplomatischem Vorgehen auf und erhöht zugleich den Druck auf ukrainische Flüchtlinge im wehrpflichtigen Alter. Beide Punkte stehen im Kontext einer gesamteuropäischen Verschärfung: Im Juli verlängerte der EU-Rat den vorübergehenden Schutz für Ukrainer bis zum 4. März 2028, schränkte ihn aber für Männer ein, die ihren Wehrpflichten nicht nachkommen. Zudem kommen die Äußerungen wenige Tage, nachdem Deutschland Russland der Beteiligung an einem versuchten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle beschuldigt und als Reaktion die Schließung des russischen Konsulats in Bonn und des russischen Kulturzentrums in Berlin angeordnet hatte.
Was geschehen ist
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul sagte in einem am 8. September 2026 veröffentlichten Interview mit Bild, die Ukraine solle mehr Waffen bei deutschen Herstellern kaufen. Deutschland sei eines der größten Geberländer Kiews und dürfe daher erwarten, dass die eigene Rüstungsindustrie von den Beschaffungen profitiere; mit dem derzeitigen Auftragsvolumen sei man „nicht voll zufrieden“. Er habe das Thema bei seinem Besuch in Kiew im August mit Präsident Wolodymyr Selenskyj besprochen und dabei die Fortsetzung der deutschen Unterstützung der ukrainischen Verteidigung gegen Russland zugesichert. Zugleich forderte Wadephul ukrainische Männer im wehrpflichtigen Alter, die sich derzeit in Deutschland aufhalten, zur Rückkehr in die Ukraine auf – ausdrücklich „ohne Zwang“. Berlin sei bereit, der ukrainischen Regierung Daten zur Identifizierung solcher Personen zu überlassen, darunter Informationen zu Sozialleistungen, Registrierung und Aufenthaltstiteln; auf dieser Grundlage könne die ukrainische Regierung die Männer anschreiben. Wadephul unterstützte eine entsprechende Forderung von CSU-Chef Markus Söder. Ergänzend sagte Wadephul, die überwältigende Mehrheit der deutschen Bevölkerung unterstütze die Ukraine-Politik der Regierung.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Da ausschließlich ukrainische Medien und eine ukrainische Agentur als Quellen vorliegen, wird Wadephuls Vorstoß durch eine ukrainische Linse wiedergegeben. Hervorgehoben wird, dass die Anfrage, ukrainische Männer im wehrpflichtigen Alter vom vorübergehenden Schutz auszunehmen, nach Angaben von EU-Innenkommissar Magnus Brunner ursprünglich von der Ukraine selbst kam. Die Berichterstattung stellt sowohl das Angebot zur Datenweitergabe und den Rahmen „ohne Zwang“ als auch den patriotischen Ton heraus, dass Männer im wehrpflichtigen Alter im Ausland zur Rückkehr aufgerufen sind und die Ukraine sich verteidigen können muss.
Wie internationale Quellen darüber berichten
Aus den vorliegenden Quellen ergibt sich keine eigenständige internationale Rahmung jenseits der Aussagen Wadephuls sowie der Reaktionen der EU und Russlands. Die nicht-ukrainische Perspektive ist im Material nicht separat ausgearbeitet.
Wo die Berichte auseinandergehen
Die Quellen datieren die EU-Entscheidung zur Verlängerung des vorübergehenden Schutzes unterschiedlich: Einige nennen eine Einigung der Mitgliedstaaten am 15. Juli und die anschließende Genehmigung durch den EU-Rat im schriftlichen Verfahren am 30. Juli 2026; eine andere Quelle spricht von einer Entscheidung am 4. August 2026 mit Verlängerung bis zum 4. März 2028. Zudem ist uneinheitlich dokumentiert, ob die Schutzbeschränkung nur für neue Antragsteller gilt oder auch bereits anerkannte Ukrainer betrifft.
Hintergrund
Im Juli verlängerte der EU-Rat den vorübergehenden Schutz für Ukrainer bis zum 4. März 2028 und schränkte ihn zugleich für Bürger im wehrpflichtigen Alter ein, die ihren Wehrpflichten in der Ukraine nicht nachkommen; seit dem 5. August gelten verschärfte Einreisebestimmungen für ukrainische Männer zwischen 23 und 60 Jahren, die vorübergehenden Schutz beantragen. Gegen die Einschränkung stimmte Ungarn; Ministerpräsident Péter Magyar sagte, Budapest behalte sich das Recht vor, auch kriegsbedingt ausgereisten Männern Schutz zu gewähren. EU-Innenkommissar Magnus Brunner erklärte, die Bitte, wehrpflichtige Ukrainer vom Schutzprogramm auszunehmen, sei von der Ukraine selbst gekommen. Wenige Tage vor Wadephuls Äußerungen beschuldigte Deutschland Russland der Beteiligung an einem Drohnenangriffsversuch auf den Flughafen Leipzig/Halle im August, der nach deutschen Angaben nur knapp eine Katastrophe vermieden habe; Russland wies die Vorwürfe zurück. Der russische Außenminister Sergei Lawrow nannte die deutschen Vorwürfe laut TASS „im Wesentlichen den Beginn eines echten Krieges“; Deutschland ordnete daraufhin die Schließung des russischen Konsulats in Bonn und des russischen Kulturzentrums in Berlin an. Zugleich bereiten die Ukraine und Deutschland nach übereinstimmenden Berichten eine umfassende Vereinbarung der Verteidigungsindustrie vor, die gemeinsame Entwicklung und Produktion von Drohnen, Raketen und zugehöriger Software umfasst. Wadephul äußerte sich in einem Interview mit Bild.