Estland macht Russland für Sabotage bei Milrem Robotics verantwortlich und bestellt diplomatischen Vertreter Russlands ein
Die estnische Sicherheitspolizei hat den Brandanschlag auf das Gebäude des estnischen Rüstungsunternehmens Milrem Robotics in Tallinn in der Nacht zum 15. August als von russischen Geheimdiensten angeordnete Sabotage eingestuft. Drei tatverdächtige lettische Staatsbürger wurden in Lettland festgenommen und nach Estland überstellt. Am 29. September bestellte das estnische Außenministerium den russischen Geschäftsträger ein; der Kreml wies die Vorwürfe zurück.
Das Wichtigste
- Brandanschlag auf das Gebäude von Milrem Robotics in der Nacht zum 15. August im Stadtteil Lasnamäe in Tallinn
- Estnische Sicherheitspolizei stuft den Anschlag als Sabotage ein, angeordnet von russischen Geheimdiensten
- Drei tatverdächtige lettische Staatsbürger wurden in Lettland festgenommen und nach Estland überstellt
- Am 29. September bestellte Estland den russischen Geschäftsträger Lenar Salimullin ins Außenministerium
- Ministerpräsident Kristen Michal erklärte, Estland lasse sich nicht einschüchtern und werde seine Unterstützung für die Ukraine verstärken
- Kreml-Sprecher Dmitri Peskov bezeichnete die estnischen Vorwürfe als ‚unbegründet' und ‚realitätsfern'
- Milrem Robotics liefert THeMIS-Bodendrohnen an die ukrainische Streitkräfte in Zusammenarbeit mit EU-Staaten
Warum es wichtig ist
Ein NATO-Mitgliedstaat hat eine Sabotagehandlung auf eigenem Territorium öffentlich russischen Geheimdiensten zugeordnet. Da Milrem Robotics unbemannte Bodenfahrzeuge an die ukrainischen Streitkräfte liefert, zielt der Anschlag unmittelbar auf die Unterstützung der ukrainischen Verteidigung. Die Festnahme von drei Verdächtigen in Lettland zeigt die grenzüberschreitende Reichweite solcher Operationen, und die Einbestellung des russischen Geschäftsträgers markiert eine diplomatische Eskalation. Estnische Beamte ordnen den Vorfall in eine breitere russische Kampagne zur Einschüchterung von Verbündeten und zur Schwächung der Ukraine-Unterstützung ein.
Was geschehen ist
In der Nacht zum 15. August brach im Stadtteil Lasnamäe in Tallinn ein Brand in einem Gebäude der estnischen Rüstungsfirma Milrem Robotics aus, der von Rettungskräften rasch gelöscht wurde. Die estnische Sicherheitspolizei kam nach Auswertung der gesammelten Informationen zum Schluss, dass es sich um einen von russischen Geheimdiensten angeordneten Sabotageakt handelt. Ministerpräsident Kristen Michal erklärte am 29. September, Estland könne dies mit voller Sicherheit feststellen. Drei tatverdächtige lettische Staatsbürger wurden am 17. und 18. August in Lettland festgenommen und zwischen dem 17. und 18. September an Estland übergeben. Am 29. September bestellte das estnische Außenministerium den russischen Geschäftsträger Lenar Salimullin ein. Außenminister Margus Tsahkna kündigte an, Estland werde den Druck auf Russland verstärken und die Ukraine weiter unterstützen. Die Generaldirektorin der Sicherheitspolizei, Margo Palloson, erklärte, die Bedrohung durch russische Provokationen und Sabotageversuche bestehe fort, und empfahl Organisationen, die die Ukraine unterstützen, sowie Unternehmen der Verteidigungsindustrie, ihre physische Sicherheit und Cyberabwehr zu verstärken. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wies die Vorwürfe als unbegründet und realitätsfern zurück.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Ukrainische Medien ordnen den Vorfall als staatlich angeordnete russische Sabotage gegen ein Unternehmen ein, das die ukrainischen Streitkräfte beliefert. Sie rücken in der Berichterstattung den Aspekt der Ukraine-Unterstützung in den Vordergrund und zitieren sowohl die estnischen Anschuldigungen als auch die russische Zurückweisung durch Kreml-Sprecher Dmitri Peskow als gleichwertige Teile der Geschichte. Ukrainische Quellen betten den Anschlag zudem in einen Kontext weiterer mutmaßlich russischer Vorfälle in Europa ein, etwa den berichteten Angriffsversuch auf einen ukrainischen Drohnenhersteller in Prešov in der Slowakei.
Wo die Berichte auseinandergehen
Die Quellen weichen in mehreren Punkten voneinander ab: Beim Datum des Brands geben einige Berichte die Nacht zum 15. August an, andere die Nacht vom 14. auf den 15. August. Bei der Zahl der in Lettland festgenommenen Verdächtigen sprechen die meisten Quellen von allen dreien, während ein Artikel berichtet, nur zwei seien in Lettland festgenommen worden. Die Schreibweise des Nachnamens des Generaldirektors der estnischen Sicherheitspolizei variiert (Palloson, Pallosson, Pallossoni, Pallosoni), ebenso die des Außenministers (Tsahkna, Tsakhkna).
Hintergrund
Milrem Robotics stellt THeMIS-Bodendrohnen her und liefert sie in Zusammenarbeit mit EU-Staaten an die Ukraine. Im Juni eröffnete das Unternehmen eine Produktionslinie in den Niederlanden, die von der niederländischen Regierung finanziert wird, um 100 zusätzliche Einheiten für die ukrainische Armee zu produzieren. Westliche Geheimdienstquellen berichten von einer breiteren russischen Kampagne, die lokale kriminelle Gruppen rekrutiert, um europäische Waffenfabriken anzugreifen. Ein ähnlicher mutmaßlicher Angriff auf einen ukrainischen Drohnenhersteller in Prešov in der Slowakei wurde laut deutscher Medienberichte mit dem russischen Militärgeheimdienst in Verbindung gebracht; die slowakische Opposition fordert von Ministerpräsident Robert Fico Erklärungen.