Veröffentlicht am · Aktualisiert:

Estland verlegt seine Hauptkampfbrigade dauerhaft an die russische Grenze

Estland verlegt seine 1. Brigade dauerhaft von Tapa nach Jõhvi, etwa 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die Maßnahme ist Teil der neuen "aktiven Verteidigungs"-Doktrin, die die Regierung im Mai eingeführt hat. Gleichzeitig beschafft das Land weitreichende Raketenwerfer von US- und südkoreanischer Seite und baut eine neue Militärbasis in der Grenzstadt Narva.

Das Wichtigste

  • Die 1. Estnische Brigade wird dauerhaft von Tapa nach Jõhvi verlegt, rund 50 km von der russischen Grenze.
  • Grundlage ist die im Mai eingeführte Strategie der "aktiven Verteidigung".
  • In der Grenzstadt Narva entsteht eine neue Militärbasis.
  • Estland hat Verträge über neun US-HIMARS und neun südkoreanische Chunmoo-Raketenwerfer mit einer Reichweite von bis zu 300 km abgeschlossen.
  • Die Entfernung von den Grenzbasen zu St. Petersburg beträgt 260 km und liegt damit innerhalb der Reichweite der neuen Systeme.
  • Die Verteidigungsausgaben stiegen um 42 % auf 2,4 Mrd. Euro (5,4 % des BIP); Großbritannien will seinen Kontingent in Estland von 800 auf 1 200 Soldaten aufstocken.

Warum es wichtig ist

Mit der Verlegung an die Grenze vollzieht ein frontnaher NATO-Staat einen doktrinären Wandel: weg vom Rückzug auf Partisanenverteidigung, hin zu einer vorgelagerten aktiven Verteidigung. Die neuen Raketensysteme bringen St. Petersburg in Reichweite, was Estlands Schlagkraft deutlich verändert. Gleichzeitig wächst die Sorge, Russland könnte mit einer begrenzten Provokation gegen das russischsprachige Narva die Entschlossenheit des Bündnisses auf die Probe stellen.

Was geschehen ist

Estland verlegt seine wichtigste Bodenkampfbrigade, die 1. Estnische Brigade unter Kommandeur Oberst Tarmo Kundla, dauerhaft von Tapa in die Nähe von Jõhvi, etwa 50 Kilometer von der russischen Grenze. Die Verlegung folgt der im Mai vorgestellten "aktiven Verteidigungs"-Strategie. In Narva, einer überwiegend russischsprachigen Stadt an der Grenze, entsteht eine neue Militärbasis. Estland hat im vergangenen Jahr Verträge über neun HIMARS-Systeme aus den USA sowie neun südkoreanische Chunmoo-Raketenwerfer unterzeichnet, beide mit ballistischen Raketen (M57) bzw. ähnlicher Munition und einer Reichweite von bis zu 300 km. Damit liegt St. Petersburg in 260 km Entfernung im Aktionsradius der neuen Waffen. Die estnischen Streitkräfte und der Geheimdienst sehen Russland zwar nicht vor einem umfassenden Krieg mit der NATO in den nächsten zwei Jahren, betrachten jedoch die kommenden ein bis vier Jahre als kritische Phase. Die Verteidigungsausgaben Estlands sind im laufenden Jahr um 42 % auf 2,4 Mrd. Euro (5,4 % des BIP) gestiegen; Großbritannien kündigte an, sein Kontingent in Estland von 800 auf 1 200 Soldaten zu erhöhen.

Wo die Berichte auseinandergehen

Bei den Gesamtverteidigungsausgaben nennen Quellen teils 2,4 Mrd. Euro beziehungsweise 5,4 % des BIP für das laufende Jahr, teils 2,2 Mrd. Euro für 2027 – jeweils mit der Angabe, dass die Schwelle von 5 % des BIP überschritten werde. Auch zur Kapazität der neuen Basis in Narva gibt es abweichende Angaben: Eine Darstellung spricht von 1 000 Militärangehörigen, eine andere von 200 dauerhaft stationierten Soldaten plus bis zu 800 weiteren in einer Krise.

Hintergrund

Die bisherige estnische Verteidigungsdoktrin, nach 2014 entwickelt, sah eine rasche Mobilisierung von Wehrpflichtigen und eine taktische, partisanenähnliche Verteidigung vor, bis alliierte Verstärkung eintrifft. Die estnische Militärführung hält diese Doktrin angesichts der Beobachtungen zum russischen Vorgehen in der Ukraine für nicht mehr tragfähig. Estland verfügt über keine eigenen Luftstreitkräfte und ist für die Luftraumsicherung auf die NATO angewiesen. Die Aktivstärke umfasst rund 4 200 Soldaten, hinzu kommen ausgebildete Reservisten von bis zu 230 000 Personen, davon 39 500 hochverfügbare Reservisten, die innerhalb weniger Stunden verlegt werden können.