Südkorea: Über 176.000 Tonnen Treibstoff von sanktionierten Tankern nach Russland verschifft
Eine Analyse des Guardian zeigt, dass im Juli und August über 176.000 Tonnen Treibstoff, meist Diesel, in südkoreanischen Häfen auf sieben Tanker verladen wurden – drei davon unter UK- und EU-Sanktionen. Die Tanker fuhren 14 Mal in den russischen Fernen Osten. Südkorea ist politisch Unterstützer der Ukraine, die Lieferungen scheinen aber nicht gegen südkoreanisches Recht zu verstoßen.
Das Wichtigste
- Über 176.000 Tonnen Treibstoff, vor allem Diesel, wurden im Juli und August in südkoreanischen Häfen auf sieben Tanker verladen, die 14 Reisen in den russischen Fernen Osten unternahmen.
- Drei der sieben Tanker standen unter Sanktionen Großbritanniens und der EU; ein Tanker erhielt seine Ladung durch Schiff-zu-Schiff-Transfer vor der südkoreanischen Küste.
- Der größte Tanker, der sanktionierte Layla, transportierte in zwei Reisen von Ulsan nach Wladiwostok (19. Juli und 10. August) insgesamt 57.000 Tonnen Diesel und deklarierte bei der zweiten Fahrt Niigata in Japan als Ziel.
- Südkorea steuerte im August rund 31 % (112.000 Tonnen) der russischen Seeimporte an Erdölprodukten bei – mehr als jedes andere Land außer Indien.
- Nach Angaben der IEA fiel die Durchsatzleistung russischer Raffinerien im Juni auf den niedrigsten Stand seit über 20 Jahren; die Dieselproduktion sank im Jahresvergleich um fast 30 %.
- Zu den Käufern gehörten laut Kpler die sanktionierte russische Staatsfirma Rosneft sowie die NNK-Gruppe, deren Eigentümer Eduard Khudainatov und NNK-Oil unter britischen Sanktionen stehen.
- Der Handel verstößt laut Guardian offenbar nicht gegen südkoreanisches Recht, da Seouls Russland-Restriktionen vor allem Exportkontrollen für Industriegüter, Elektronik und Fahrzeuge umfassen.
Warum es wichtig ist
Der Fall zeigt eine Lücke zwischen der politischen Solidarität Südkoreas mit der Ukraine – 2023 wurden 2,3 Mrd. US-Dollar Unterstützung, meist als Kredite, zugesagt – und der Rolle des Landes als wichtiger Treibstofflieferant für Russland. Da die Lieferungen nach russischen Angriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur zunahmen, werfen sie Fragen zur Glaubwürdigkeit der Sanktionsdurchsetzung und zur Belastbarkeit der internationalen Unterstützungskette für die Ukraine auf.
Was geschehen ist
Eine Analyse des Guardian auf Basis von Hafendokumenten, Schiffsverfolgungsdaten und Kpler-Daten zeigt, dass im Juli und August über 176.000 Tonnen Treibstoff in südkoreanischen Häfen auf sieben Tanker verladen wurden, die 14 Reisen in den russischen Fernen Osten unternahmen. Drei der Tanker – Layla, Astoria und Chongchon – standen unter Sanktionen Großbritanniens und der EU. Der größte Frachter, der sanktionierte Layla, fuhr am 19. Juli und 10. August von Ulsan nach Wladiwostok und transportierte insgesamt 57.000 Tonnen Diesel; bei der zweiten Fahrt deklarierte er Niigata in Japan als Ziel. Der unter russischer Flagge fahrende und von Australien zusätzlich sanktionierte Astoria lud am 1. August fast 11.000 Tonnen Treibstoff in Ulsan, erklärte Japan zum Ziel und lief stattdessen Wladiwostok an. Der Chongchon, der im Hafen nie eingelaufen war, erhielt Anfang August etwa 26.000 Tonnen Treibstoff vom nicht sanktionierten Tanker Celeste I auf einer Ankerstation nahe dem Hafen Yeosu und fuhr ebenfalls nach Wladiwostok, obwohl Singapur als Ziel angegeben war. Die Eigentümer der vier Tanker reagierten nicht auf Anfragen. Laut Kpler gehörten Rosneft und die NNK-Gruppe zu den Käufern; Russland importierte im August 368.000 Tonnen Erdölprodukte auf dem Seeweg – der höchste Monatswert seit Beginn der Vollinvasion.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Ukrainische Medien, die die Guardian-Recherche aufgreifen, betonen den Widerspruch zwischen der erklärten politischen Unterstützung Südkoreas für die Ukraine und dessen Rolle als Treibstofflieferant für Russland. Sie zitieren das Hauptnachrichtendirektorat des ukrainischen Verteidigungsministeriums, wonach Moskau gezwungen sei, Erdölprodukte zu importieren, um die russische Kriegsmaschinerie aufrechtzuerhalten. Den Hintergrund liefert zugleich der Disput um die Übergabe zweier nordkoreanischer Kriegsgefangener an Seoul.
Wie internationale Quellen darüber berichten
Der Guardian rahmt den Vorgang primär als Problem der Sanktionsdurchsetzung und der Glaubwürdigkeit Südkoreas und weist darauf hin, dass die Lieferungen offenbar nicht gegen südkoreanisches Recht verstoßen. Die Analyse stützt sich auf Hafendokumente, Schiffsverfolgungs- und Kpler-Daten und zitiert den Analysten Isaac Levi vom Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA). Zum Streit um die Übergabe nordkoreanischer Kriegsgefangener nimmt der Guardian keine Position ein, sondern berichtet lediglich, dass Seoul die Übergabe als vertraulich behandelt sehen wollte.
Wo die Berichte auseinandergehen
Südkorea wirft der Ukraine vor, eine Vereinbarung über die Vertraulichkeit der Übergabe zweier nordkoreanischer Kriegsgefangener verletzt zu haben; ukrainische Medien berufen sich auf eine Quelle im Presideralamt und schreiben, Kiew habe eine solche Vertraulichkeitsvereinbarung bestritten. Die südkoreanische Regierung erklärte, dieses Dementi untergrabe ernsthaft das gegenseitige Vertrauen, da die ukrainische Seite selbst auf Vertraulichkeit bestanden habe.
Hintergrund
Südkorea sagte 2023 2,3 Mrd. US-Dollar Unterstützung für die Ukraine zu, überwiegend in Form von Krediten, und lieferte humanitäre Hilfe sowie nicht-letale militärische Ausrüstung wie Helme, Körperpanzer und Minenräumfahrzeuge; letale Waffen verweigert Seoul entsprechend seiner Praxis, kriegführende Länder nicht direkt zu bewaffnen. Laut IEA fielen im Juni die Durchsatzleistung der russischen Raffinerien auf den niedrigsten Stand seit über 20 Jahren und die Dieselproduktion im Jahresvergleich um fast 30 %. Zu den Käufern des Treibstoffs gehörten nach Kpler-Daten die sanktionierte russische Staatsfirma Rosneft sowie die NNK-Gruppe, deren Eigentümer Eduard Khudainatov und NNK-Oil unter britischen Sanktionen stehen. Separat eskalierte ein Streit zwischen Kiew und Seoul über die Übergabe zweier nordkoreanischer Kriegsgefangener, die Seoul zufolge vertraulich bleiben sollte.