Humankatastrophe in besetztem Oleschky: Ukrainische Recherche benennt russische Kommandeure
Das ukrainische Rechercheprojekt Slidstvo.Info hat Kommandeure der 126. eigenständigen Küstenverteidigungsbrigade der russischen Schwarzmeerflotte und des 331. Garde-Luftlanderegiments für eine mutmaßliche Humankatastrophe in dem besetzten Oleschky im linksufrigen Teil der Oblast Cherson verantwortlich gemacht. In der Stadt sind nach ukrainischen Angaben weiterhin mehr als 6.000 Menschen von Lebensmitteln, Medikamenten und Gas abgeschnitten. Die Ukraine lieferte über Drohnen rund vier Tonnen Lebensmittel und kündigte an, das Thema vor der UN-Generalversammlung anzusprechen.
Das Wichtigste
- Slidstvo.Info benennt die 126. eigenständige Küstenverteidigungsbrigade der Schwarzmeerflotte und das 331. Garde-Luftlanderegiment als mögliche Verantwortliche für die Lage in Oleschky.
- In der besetzten Stadt sollen mehr als 6.000 Menschen, darunter rund 200 Kinder, in einer humanitären Blockade ausharren.
- Ukrainische Streitkräfte lieferten per Drohne rund vier Tonnen Lebensmittel in das besetzte Gebiet.
- Ombudsmann Dmytro Lubinets erklärte am 16. September, Russland bestätige seit Langem nicht die Bereitschaft zu einer humanitären Evakuierungsmission.
- Am 25. September kündigte Lubinets an, die Ukraine sei bereit, mehrere Szenarien zur Rettung der Bevölkerung zu verfolgen.
- Außenminister Andrij Sybiha will die Lage in Oleschky und anderen besetzten Orten vor der UN-Generalversammlung ansprechen, um einen Korridor für Zivilisten zu erreichen.
- Die 126. Brigade war 2014 aus der früheren ukrainischen 36. Küstenverteidigungsbrigade gebildet worden, auch aus Soldaten, die nach der Besetzung der Krim die Seite gewechselt hatten.
Warum es wichtig ist
Die Recherche benennt erstmals konkrete russische Einheiten und Kommandeure, die für das Leid der Zivilbevölkerung in einem besetzten Gebiet verantwortlich gemacht werden – ein möglicher Ausgangspunkt für spätere Rechenschaft. Mehr als 6.000 Menschen, darunter etwa 200 Kinder, sind nach ukrainischen Angaben in einer humanitären Blockade eingeschlossen; Russland verhindert nach Darstellung ukrainischer Stellen die Evakuierung. Dass die Ukraine Lebensmittel per Drohne in das besetzte Gebiet fliegt, verdeutlicht die Schwere der Lage und unterstreicht die internationale Dimension, die Kyjiw nun auf die Agenda der UN-Generalversammlung setzen will.
Was geschehen ist
Das ukrainische Investigativprojekt Slidstvo.Info hat die Kommandeure der 126. eigenständigen Küstenverteidigungsbrigade der russischen Schwarzmeerflotte und des 331. Garde-Luftlanderegiments als mögliche Verantwortliche für eine Humankatastrophe in dem besetzten Oleschky im linksufrigen Teil der Oblast Cherson benannt. Laut ukrainischen Stellen befindet sich die Stadt seit Beginn der großangelegten Invasion im Jahr 2022 unter russischer Besatzung und leidet seit der Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023 unter den Folgen großflächiger Überschwemmungen. Berichte aus der Stadt schildern, dass Lebensmittel, Medikamente und Gas fehlen und Bewohner am Verhungern sind; russische Kräfte verhinderten nach Darstellung ukrainischer Stellen eine Evakuierung. Ukrainische Streitkräfte lieferten per Drohne rund vier Tonnen Lebensmittel in die Stadt; ein Bewohner berichtete, er habe davon lediglich eine Flasche Öl, ein Kilogramm Mehl, eine Packung Zucker und einige Konserven erhalten. Der ukrainische Ombudsmann Dmytro Lubinets erklärte am 16. September, Russland bestätige seit Langem nicht die Bereitschaft zu einer humanitären Evakuierungsmission, und kündigte am 25. September an, die Ukraine sei bereit, mehrere Szenarien zur Rettung der Bewohner zu verfolgen. Außenminister Andrij Sybiha erklärte, er werde die Lage in Oleschky und anderen besetzten Siedlungen vor der UN-Generalversammlung ansprechen, um einen Korridor für Zivilisten zu erreichen.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Alle vier herangezogenen Quellen sind ukrainischsprachige Medien. Sie rücken die Berichte von Slidstvo.Info in den Mittelpunkt und betonen die ukrainischen institutionellen Reaktionen: die Erklärungen von Ombudsmann Lubinets, die Drohnenlieferungen der ukrainischen Streitkräfte und das Vorhaben von Außenminister Sybiha, das Thema vor der UN-Generalversammlung zu behandeln. Die Berichterstattung stellt namentlich genannte russische Einheiten und Kommandeure als mutmaßlich verantwortlich für das Leid der Zivilbevölkerung heraus.
Wo die Berichte auseinandergehen
Bei der Identität des Kommandeurs der 126. Küstenverteidigungsbrigade gehen die Quellen auseinander: Slidstvo.Info nennt über einen Verweis in einem russischen Telegram-Kanal den Oberst Oleg Aleksandrow (Stand Mai 2025), während das unabhängige OSINT-Projekt "Komandyry Provalu" den 43-jährigen Konstantin Kotschetkow als Kommandeur benennt. Außerdem widerspricht eine Quelle, die die letzten Lebensmittellieferungen in das besetzte Oleschky auf Ende Mai 2026 datiert, den übrigen Berichten, die von einer anhaltenden humanitären Blockade und aktuell hungernden Bewohnern ausgehen.
Hintergrund
Oleschky befindet sich seit den ersten Tagen der großangelegten Invasion im Jahr 2022 unter russischer Besatzung. Nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023 erlitt die Stadt großflächige Überschwemmungen und Zerstörung. Die 126. eigenständige Küstenverteidigungsbrigade der russischen Schwarzmeerflotte wurde 2014 auf Grundlage der früheren ukrainischen 36. Küstenverteidigungsbrigade gebildet und bezog Soldaten ein, die nach der Besetzung der Krim die Seite gewechselt hatten. Das 331. Garde-Luftlanderegiment, Teil der in der Oblast Kostroma stationierten 98. Garde-Luftlandedivision, steht im Zusammenhang mit dem Beschuss ukrainischer Soldaten beim Verlassen von Ilowaisk über einen sogenannten "grünen Korridor" im Jahr 2014 und kämpfte seither unter anderem im Raum Cherson. Ende Juli hatten Soldaten der 126. Brigade öffentlich an das russische Verteidigungsministerium, die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft und den Ermittlungsausschuss appelliert und über mutmaßliche Ausrüstungsengpässe, Probleme bei der Evakuierung von Verwundeten und Getöteten sowie das Verschleiern tatsächlicher Verluste durch das Kommando berichtet.