Kiew-Institut: Selenskyjs Vertrauenswerte stiegen während US-Drucks sprunghaft an
Eine Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) vom 8.–16. Oktober 2026 ergab, dass 54 % der Ukrainer Präsident Wolodymyr Selenskyj vertrauen und 41 % nicht. Die Werte für den gesamten Monat entsprachen dabei exakt den Ende August / Anfang September gemessenen Werten. KIIS-Direktor Anton Hruschezkyj führte den Anstieg innerhalb des Erhebungszeitraums auf einen „Rally-around-the-flag“-Effekt als Reaktion auf den Druck aus den USA zurück. Die Umfrage fiel in eine Phase scharfer Kritik von US-Präsident Donald Trump an Selenskyj und in den Kontext einer angekündigten US-russischen Diesel-Vereinbarung sowie der Aussetzung von Sanktionen aus dem „Lindsey-Graham-Gesetz“.
Das Wichtigste
- KIIS-Umfrage (8.–16. Okt. 2026, 1031 Befragte per CATI): 54 % vertrauen Selenskyj, 41 % nicht – identisch mit den Werten Ende August / Anfang September.
- 8.–9. Oktober: 43 % Vertrauen, 52 % Misstrauen (n = 274, Fehlerquote 7,7 %).
- 10.–16. Oktober: 57 % Vertrauen, 39 % Misstrauen (n = 757, Fehlerquote 4,6 %).
- KIIS-Direktor Anton Hruschezkyj spricht von einem „Rally-around-the-flag“-Effekt als Reaktion auf den US-Druck; Dauer des Effekts noch unklar.
- 73 % der Befragten lehnen eine nachgiebigere Haltung der Behörden bei Verhandlungen mit Russland ab; 20 % unterstützen sie.
- 19. Oktober: Trump sagte, „es ist Zeit, dass jemand anderes für die Ukraine verhandelt“; er hatte zuvor Sanktionen aus dem parteiübergreifend verabschiedeten „Lindsey-Graham-Gesetz“ ausgesetzt und nach einem Telefonat mit Putin eine US-russische Diesel-Vereinbarung angekündigt.
- Die US-russische Diesel-Vereinbarung wurde sowohl in der Ukraine als auch in der EU kritisiert.
Warum es wichtig ist
Die Umfrage zeigt, dass der Anstieg der Zustimmung zu Selenskyj vor allem eine kurzfristige Reaktion auf den Druck aus Washington ist und nicht Ausdruck eines nachhaltigen Trendbruchs im Vertrauen über den Monatsverlauf. Die klare Ablehnung einer nachgiebigeren Verhandlungsposition durch 73 % der Befragten gibt einen direkten Einblick in die Haltung der ukrainischen Gesellschaft gegenüber den laufenden Verhandlungspfaden mit Russland. Da US-Politik und Sanktionsregime das Umfeld der Umfrage prägen, sind die Werte auch ein Indikator für die politischen Spielräume Kiews gegenüber Washington und Moskau. Die größeren Fehlerquoten in der ersten Teilerhebung (8.–9. Oktober) mahnen zur Vorsicht bei der Interpretation des rapiden Anstiegs.
Was geschehen ist
Das Kiewer Internationale Institut für Soziologie (KIIS) befragte vom 8. bis 16. Oktober 2026 per Telefoninterview (CATI) 1031 erwachsene ukrainische Staatsbürger auf regierungskontrolliertem Gebiet; Bewohner der vorübergehend besetzten Gebiete und Personen, die nach dem 24. Februar 2022 ausgereist waren, wurden ausgeschlossen. Über den gesamten Zeitraum vertrauen 54 % der Befragten Präsident Wolodymyr Selenskyj, 41 % nicht – identisch mit den Werten Ende August / Anfang September. Deutliche Verschiebungen zeigen sich jedoch zwischen den beiden Teilzeiträumen: Vom 8.–9. Oktober (n = 274, Fehlerquote 7,7 %) lag das Vertrauen bei 43 %, das Misstrauen bei 52 %; vom 10.–16. Oktober (n = 757, Fehlerquote 4,6 %) stieg das Vertrauen auf 57 %, das Misstrauen fiel auf 39 %. KIIS-Direktor Anton Hruschezkyj wertet den Anstieg als „Rally-around-the-flag“-Effekt als Reaktion auf den Druck aus den USA und betont, dass ähnliche Effekte 2025 bereits kleiner und kürzer als 2022 ausgefallen seien; dieses Mal könnte der Effekt noch kürzer sein. Auf die Frage zur Verhandlungsposition lehnen 73 % eine nachgiebigere Haltung der Behörden gegenüber Russland ab, 20 % unterstützen sie. In den Kontext der Umfrage fielen Trumps Ankündigung einer US-russischen Diesel-Vereinbarung nach einem Telefonat mit Putin, die Aussetzung wesentlicher Sanktionen, Zölle und Beschränkungen aus dem parteiübergreifenden „Lindsey-Graham-Gesetz“ – beides kritisiert von der Ukraine und der EU –, Trumps Äußerung vom 19. Oktober, „es ist Zeit, dass jemand anderes für die Ukraine verhandelt“, sowie Selenskyjs Aussage vom 14. Oktober, Trump und sein Umfeld wählten „die falsche Seite der Geschichte“.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Ukrainische Medien berichten über den Umfragebefund mit besonderem Augenmerk auf dem Sprung von 43 % auf 57 % Vertrauen innerhalb der Erhebungsphase und betonen zugleich, dass die Monatswerte Ende August / Anfang September identisch waren. Sie greifen Hruschezkyjs Deutung eines Rally-around-the-flag-Effekts als Reaktion auf den US-Druck auf und weisen darauf hin, dass die Dauer des Effekts noch nicht absehbar sei. Eingerahmt werden die Zahlen durch Selenskyjs Kritik an Trumps Politik, die scharfe Ablehnung der US-russischen Diesel-Vereinbarung in Kiew und die dokumentierte gesellschaftliche Ablehnung einer nachgiebigeren Verhandlungsposition (73 % dagegen, 20 % dafür).
Wie internationale Quellen darüber berichten
Internationale und westliche Rahmungen stellen den Umfragebefund in den Kontext der offenen Kritik von US-Präsident Trump an Selenskyj, dessen Forderung, „jemand anderes“ solle für die Ukraine verhandeln, und seiner Unterstützung für eine Beendigung des Krieges. Hervorgehoben werden zudem Trumps Aussetzung zentraler Sanktionen, Zölle und Beschränkungen aus dem parteiübergreifend verabschiedeten „Lindsey-Graham-Gesetz“ sowie die angekündigte US-russische Diesel-Vereinbarung. Die Umfrage dient damit als Indikator dafür, wie außenpolitischer Druck und veränderte US-Politik die innenpolitische Unterstützung für den ukrainischen Präsidenten kurzfristig beeinflussen.
Wo die Berichte auseinandergehen
Die vorliegenden Berichte unterscheiden sich im Datum der angekündigten US-russischen Diesel-Vereinbarung: Eine Quelle nennt den 9. Oktober, eine andere spricht lediglich von „früher im Monat“ ohne genaues Datum.
Hintergrund
Die KIIS-Telefonumfrage wurde vom 8. bis 16. Oktober 2026 unter 1031 Erwachsenen auf regierungskontrolliertem ukrainischem Gebiet durchgeführt; Bewohner vorübergehend besetzter Gebiete und nach dem 24. Februar 2022 ausgereiste Personen waren ausgeschlossen. Für die Gesamtstichprobe lag die statistische Fehlerquote bei Indikatoren nahe 50 % bei maximal 4 %. Die Gesamtwerte beliefen sich auf 54 % Vertrauen und 41 % Misstrauen (+13 Prozentpunkte Saldo). Hruschezkyj erklärte die Verschiebung innerhalb des Erhebungszeitraums als Rally-around-the-flag-Effekt und verwies darauf, dass ähnliche Effekte zuvor kleiner und kürzer als 2022 ausgefallen seien. Die Umfrage fiel in eine Phase, in der die US-russische Diesel-Vereinbarung angekündigt worden war, Trump weiterhin Selenskyj kritisierte und wesentliche Teile des „Lindsey-Graham-Gesetzes“ ausgesetzt wurden.