Washington erwägt Umbau der Ukraine-Verhandlungsdelegation – Weißes Haus dementiert
Die Financial Times berichtet, das Weiße Haus prüfe, den Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner in den Ukraine-Verhandlungen zurückzudrängen und CIA-Direktor John Ratcliffe eine größere Rolle in der Shuttle-Diplomatie zukommen zu lassen. Präsident Trump habe noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Eine Sprecherin des Weißen Hauses, Anna Kelly, wies den Bericht am 9. September als „völlig falsch“ zurück und bekräftigte Trumps volles Vertrauen in Witkoff und Kushner.
Das Wichtigste
- Die Financial Times berichtete, das Weiße Haus erwäge, die Rolle von Sondergesandtem Steve Witkoff und Jared Kushner in den Verhandlungen mit Russland und der Ukraine zu reduzieren.
- CIA-Direktor John Ratcliffe soll laut FT eine größere Rolle in der Shuttle-Diplomatie spielen und Kontakte zu den Geheimdiensten beider Länder halten.
- Kushner habe Freunden gesagt, er wolle sich aus dem Ukraine-Track zurückziehen und auf Gaza sowie den US-israelischen Konflikt mit dem Iran konzentrieren.
- Ratcliffe hatte am 25. August unerwartet Moskau besucht und dort mit Vertretern der russischen Aufklärung über die Kriege in der Ukraine und im Iran sowie hybride Bedrohungen gesprochen.
- Am 9. September erklärte eine Sprecherin des Weißen Hauses den FT-Bericht für „völlig falsch“ und bekräftigte Trumps volles Vertrauen in Witkoff und Kushner.
- Selenskyj bezeichnete sich am 6. September als bereit für trilaterale Gespräche und schlug am 8. September die Vereinigten Arabischen Emirate, die Schweiz oder die Türkei als Ort für ein neues Treffen vor.
Warum es wichtig ist
Der Vorgang beschreibt eine mögliche Umstrukturierung des US-Teams, das die Friedensgespräche über den russischen Krieg gegen die Ukraine führt. Sollte CIA-Direktor Ratcliffe tatsächlich eine führende diplomatische Rolle übernehmen, würde dies die traditionelle Zuständigkeit von Sondergesandten und Beratern des Präsidenten verschieben. Die Diskussion fällt in eine Phase, in der die Friedensbemühungen seit Ende Februar ins Stocken geraten sind und die US-Regierung zugleich durch den Krieg mit dem Iran gebunden ist. Das öffentliche Dementi des Weißen Hauses sorgt für einen offenen Dissens zwischen der US-Regierung und einer großen westlichen Publikation über die Richtung der Ukraine-Politik. Da Russland, die Ukraine und europäische Hauptstädte die Rolle Witkoffs jeweils unterschiedlich bewerten, könnte ein Personalwechsel die Dynamik mit allen drei Seiten verändern.
Was geschehen ist
Die Financial Times berichtete unter Berufung auf fünf mit den Plänen vertraute Personen, das Weiße Haus erwäge, die Beteiligung von Sondergesandtem Steve Witkoff und Jared Kushner an den Verhandlungen mit Russland und der Ukraine zu reduzieren. CIA-Direktor John Ratcliffe solle künftig den größeren Teil der Shuttle-Diplomatie zwischen beiden Ländern übernehmen und zugleich die Kontakte zu den Geheimdiensten beider Seiten halten. Trump habe noch keine endgültige Entscheidung über eine Umbildung des Teams getroffen, hieß es weiter. Hintergrund war demnach, dass die US-Regierung bereits seit dem Scheitern der Friedensbemühungen Ende Februar und der anschließenden Konzentration auf den Iran-Krieg über eine Neuausrichtung nachdenke. Am 25. August hatte Ratcliffe überraschend Moskau besucht und dort mit Vertretern der russischen Aufklärung über die Kriege in der Ukraine und im Iran sowie über russische hybride Bedrohungen für Europa gesprochen; Axios zufolge schlug er dabei ein trilaterales Gipfeltreffen mit Putin, Selenskyj und Trump vor. Etwa eine Woche später reisten Witkoff und Kushner nach Moskau und Kyjiw und äußerten sich optimistisch über die Wiederaufnahme trilateraler Gespräche, brachten nach Angabe von Quellen aber keine neuen Ideen mit. Am 9. September wies eine Sprecherin des Weißen Hauses, Anna Kelly, den FT-Bericht auf der Plattform X als „völlig falsch“ zurück, erklärte, Trump vertraue Witkoff und Kushner voll, und warf der Financial Times vor, vor Ablauf der Antwortfrist veröffentlicht und dann fälschlich von einer Weigerung des Weißen Hauses berichtet zu haben. Der Kreml wiederum bestritt über Sprecher Dmitrij Peskow, dass ein Treffen zwischen Putin und Ratcliffe je geplant gewesen sei; FT hatte unter Berufung auf zwei Quellen berichtet, Putin habe ein solches Treffen nach einer unverblümten Lageeinschätzung der russischen Kriegsanstrengungen durch den CIA-Chef abgesagt.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Die ukrainischen Medien griffen die FT-Berichte ausführlich auf und stellten Selenskyjs Pressekonferenz vom 6. September in Kyjiw mit Witkoff und Kushner sowie seine Äußerungen vom 8. September zu möglichen Orten eines neuen trilateralen Treffens prominent dar. Die Bestätigung des ukrainischen Außenministeriums, wonach ein persönliches Treffen zwischen Selenskyj und Trump für die zweite Septemberhälfte vereinbart sei, wurde als eigenständiger Fortschritt vermeldet. Mehrere ukrainische Quellen erklärten gegenüber FT, Kyjiw unterhalte gute Arbeitsbeziehungen zu Ratcliffe, Witkoff und Kushner und habe keine Präferenz, wen Trump letztlich einsetze. Die Berichte über eine mögliche Stärkung der Rolle Ratcliffes wurden in den ukrainischen Medien als Hinweis auf eine mögliche Verlagerung hin zu direkterer Geheimdienstdiplomatie zwischen Washington und Moskau beziehungsweise Kyjiw gerahmt, wobei zugleich das Dementi des Weißen Hauses deutlich wiedergegeben wurde.
Wo die Berichte auseinandergehen
Das Weiße Haus wies den Bericht der Financial Times über eine Reduzierung der Rollen von Witkoff und Kushner sowie eine Stärkung der Rolle Ratcliffes als „völlig falsch“ zurück und erklärte, Trump vertraue beiden. FT hielt seinen Bericht unter Berufung auf fünf mit den Plänen vertraute Personen aufrecht. Darüber hinaus berichtete FT, Putin habe ein ursprünglich geplantes Treffen mit Ratcliffe nach dessen Einschätzung der russischen Kriegslage abgesagt; Kreml-Sprecher Peskov bestritt, dass ein solches Treffen je geplant gewesen sei. Einige Beiträge stellten die FT-Version als wahrscheinliche oder bevorstehende Umbildung dar, während spätere Stellungnahmen des Weißen Hauses und auf die Gegendarstellung fokussierte Berichte den Vorgang als unbestätigt oder falsch einordneten.
Hintergrund
Die US-Regierung erwägt seit dem Scheitern der Friedensbemühungen Ende Februar eine Umbildung ihres Verhandlungsteams für die Ukraine; der diplomatische Prozess wurde pausiert, weil sich die Trump-Regierung auf den Krieg mit dem Iran konzentrierte. CIA-Direktor John Ratcliffe hatte am 25. August unerwartet Moskau besucht – nach FT-Angaben das erste Mal, dass ein US-Geheimdienstchef persönlich an diplomatischen Bemühungen zur Beendigung des Krieges mitwirkte – und dort mit hochrangigen russischen Geheimdienstvertretern über die Kriege in der Ukraine und im Iran sowie über russische hybride Bedrohungen für Europa gesprochen. Steve Witkoff dürfte seine Position als US-Sondergesandter für Friedensmissionen behalten, die auch Nahost-Verhandlungen einschließt; Jared Kushner hat Freunden zufolge angekündigt, sich vom Ukraine-Track zurückzuziehen und auf Gaza sowie die US-israelische Auseinandersetzung mit dem Iran zu konzentrieren. Am 6. September hatte Selenskyj Witkoff und Kushner in Kyjiw empfangen und erklärt, die Ukraine sei bereit, zu trilateralen Gesprächen zurückzukehren; am 8. September schlug er die VAE, die Schweiz oder die Türkei als Ort eines neuen Treffens vor, und Trump telefonierte noch am selben Tag mit Putin, um auf ein baldiges Kriegsende zu drängen. Europäische Hauptstädte begrüßten laut FT-Spekulation die Aussicht auf eine Zurückdrängung Witkoffs nach rund eineinhalb Jahren weitgehend ergebnisloser Verhandlungen mit Russland.