Von der Leyen kündigt gemeinsame EU-Ukraine-Raketenabwehr auf Basis von „Freyja" an
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat in ihrer Rede zur Lage der Union am 16. September angekündigt, dass die EU gemeinsam mit der Ukraine ein modulares Raketenabwehrsystem auf Basis des Projekts „Freyja" entwickeln will. Außerdem sollen nicht ausgegebene Mittel aus dem SAFE-Programm in gemeinsame Projekte mit ukrainischen Rüstungsunternehmen fließen. Die EU hatte in der Vorwoche erstmals die Beschaffung amerikanischer Patriot-PAC-3-Abfangraketen für die Ukraine genehmigt.
Das Wichtigste
- EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte am 16. September in ihrer Rede zur Lage der Union vor dem Europäischen Parlament die gemeinsame Entwicklung eines modularen, kostengünstigen Raketenabwehrsystems mit der Ukraine auf Basis des Projekts „Freyja" an.
- Ziel der Zusammenarbeit ist es, die Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferanten – gemeint sind die USA – zu verringern.
- Geplant ist, dass die Ukraine Startsysteme und Abfangraketen produziert, während europäische Partner Hochpräzisionskomponenten wie Radare, Sensoren, Lenksysteme und Elektronik liefern; die Architektur soll offen sein.
- Die EU wird aus nicht ausgegebenen Mitteln des 150-Milliarden-Euro-Programms SAFE (Security Action for Europe) ein neues Programm für gemeinsame Projekte mit ukrainischen Unternehmen auflegen.
- Die EU hatte in der Woche vor der Rede erstmals die Beschaffung amerikanischer Patriot-PAC-3-Abfangraketen für die Ukraine genehmigt; von der Leyen forderte deren rasche Lieferung.
- Von der Leyen kündigte für den kommenden Winter die stärkste Unterstützung der EU für die Ukraine an und warnte vor verschärften russischen Angriffen auf Energieinfrastruktur.
- Die ukrainische Fire Point hatte im Juni die FP-7.x-Abwehrrakete für „Freyja" getestet; ein erster Prototyp ist nach vorläufigen Schätzungen für die erste Jahreshälfte 2027 geplant.
Warum es wichtig ist
Mit der gemeinsamen Entwicklung eines Raketenabwehrsystems auf Basis von „Freyja" vollzieht die EU einen konkreten Schritt zur Kooperation mit der ukrainischen Rüstungsindustrie und zur Verringerung der Abhängigkeit von US-Systemen. Die Umwidmung nicht ausgeschöpfter SAFE-Mittel bindet die Ukraine faktisch in die europäische Verteidigungsindustrie ein. Die erstmals auf EU-Ebene beschafften Patriot-PAC-3-Abfangraketen erweitern zudem die Fähigkeit, ballistische Raketen zu bekämpfen. Eingebettet ist dies in eine Winterhilfe-Zusage, die Antwort auf die von der Leyen erwartete Verschärfung russischer Angriffe auf Energie- und zivile Infrastruktur sein soll.
Was geschehen ist
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat am 16. September in ihrer jährlichen Rede zur Lage der Union vor dem Europäischen Parlament eine Reihe von Unterstützungsmaßnahmen für die Ukraine angekündigt. Im Mittelpunkt stand die gemeinsame Entwicklung eines modularen, kostengünstigen Raketenabwehrsystems mit der Ukraine auf Basis des ukrainischen Projekts „Freyja". Die Architektur soll offen sein: Die Ukraine soll Startsysteme und Abfangraketen fertigen, europäische Partner Radare, Sensoren, Lenksysteme und Elektronik liefern. Ausdrückliches Ziel sei es, die Abhängigkeit beider Seiten von einem einzelnen Lieferanten – gemeint sind die USA – zu verringern. Ergänzend kündigte von der Leyen ein neues Programm für gemeinsame Projekte mit ukrainischen Unternehmen an, finanziert aus nicht ausgegebenen Mitteln des 150-Milliarden-Euro-Programms SAFE. In der Woche vor der Rede hatte die EU erstmals die Beschaffung amerikanischer Patriot-PAC-3-Abfangraketen für die Ukraine genehmigt; von der Leyen forderte deren rasche Lieferung. Für den kommenden Winter sagte sie der Ukraine die stärkste EU-Unterstützung überhaupt zu und verwies auf die Bedrohung durch nordkoreanische Raketen und russische Drohnen. Bei den EU-Sanktionen gegen Russland sprach sie sich vorrangig für ein Schließen bestehender Schlupflöcher aus, statt zwingend neue Sanktionen zu fordern. In der Rede kündigte sie zudem die Schaffung eines Europäischen Sicherheitsrats unter Beteiligung der Ukraine an.
Hintergrund
„Freyja" ist ein ukrainisches Luft- und Raketenabwehrprojekt des Herstellers Fire Point. Im Juni wurde die FP-7.x-Abfangrakete getestet; pro Startvorrichtung sollen 4–6 Raketen Platz finden, der Stückpreis soll deutlich unter dem von Patriot- und SAMP-T-Raketen liegen. Fire Point hat eingeräumt, dass „Freyja" weiterhin kritisch auf westliche Komponenten angewiesen ist, darunter technische Dokumentation für Radare, Infrarot-Suchköpfe und Datenverbindungen. Das Projekt ist als offene Architektur angelegt. SAFE ist ein EU-Verteidigungsdarlehensprogramm über 150 Milliarden Euro; mehrere Mitgliedstaaten haben ihre Mittel nicht vollständig abgerufen, sodass nach inoffiziellen Schätzungen rund 10 Milliarden Euro unverplant sind. Die Ankündigung, diese Mittel für Ukraine-bezogene Projekte umzuwidmen, kam nach Berichten für einige EU-Staaten – insbesondere Polen – überraschend, da Warschau auf nicht abgerufene SAFE-Mittel für eigene Vorhaben gehofft hatte. Am 11. September fand in Brüssel das erste Treffen der EU-Ukraine-Drohnenkoalition mit neun ukrainischen und neun europäischen Unternehmen statt. Am 8.–9. September hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj in Norwegen mit Chefs von Rüstungsunternehmen über „Freyja" gesprochen. In der Rede nicht erwähnt wurden eingefrorene russische Vermögenswerte, obwohl dies in Brüssel zuvor erwartet worden war.