Russland greift Ukraine mit Raketen und Drohnen an, Energieinfrastruktur im Visier
Russland hat in der Nacht zum 7. Oktober eine großangelegte kombinierte Luftattacke auf die Ukraine geflogen. Präsident Selenskyj zufolge starben dabei mindestens elf Menschen, Dutzende wurden verletzt. Die Angriffe galten unter anderem der Energieinfrastruktur in Kiew und zwölf weiteren Oblasten.
Das Wichtigste
- Luftangriff begann am Abend des 6. Oktober und umfasste ballistische Raketen, Marschflugkörper, Anti-Schiffs-Raketen und über 130 Drohnen
- Laut Luftwaffe wurden bis 09:00 Uhr 161 Luftziele abgeschossen oder unterdrückt: 5 ballistische Raketen, 39 Marschflugkörper und 117 Drohnen
- Präsident Selenskyj erklärte die Energieinfrastruktur zu einem der Hauptziele; in Poltawa, Tschernihiw, Charkiw, Winnyzja und Cherson traten neue Stromausfälle auf
- Zwei Tote in Kiew (Darnyzkyj-Wohngebiet), zwei Tote in Krementschuk (Poltawa), zwei Tote in Oleksandrija (Kirowohrad), sowie Tote und Verletzte in Pryluky (Tschernihiw) nach Einschlag in einem fünfstöckigen Wohnhaus
- Angriff fiel mit Wladimir Putins Geburtstag zusammen; Selenskyj bezeichnete ihn als einen der „heimtückischsten“ Schläge
- Einsätze in vier Kiewer Stadtteilen (Obolon, Podil, Schewtschenkiw, Darnyzkyj); nicht detonierte Rakete im Darnyzkyj-Viertel wird von Polizei und SES entschärft
- Estlands Außenminister Margus Tsahkna verurteilte den Angriff und sprach von einer „Strategie der Verzweiflung“
Warum es wichtig ist
Der Angriff vom 7. Oktober war einer der größten kombinierten Luftschläge des Krieges: ballistische Raketen, Marschflugkörper, Anti-Schiffs-Raketen und mehr als 130 Drohnen trafen Kiew und Dutzende Ziele in zwölf Oblasten. Präsident Selenskyj erklärte die Energieinfrastruktur ausdrücklich zu einem der Hauptziele; bereits am Morgen wurden neue Stromausfälle in fünf Oblasten gemeldet, was die Anfälligkeit des Landes vor dem Winter unterstreicht. Zivile Opfer waren in Kiew, Pryluky, Krementschuk und Oleksandrija zu beklagen, darunter die Zerstörung eines Wohnhauses in Pryluky. Der Angriff fiel mit Wladimir Putins Geburtstag zusammen und wurde von ukrainischer Seite als bewusste Einschüchterung gerahmt. Selenskyj nutzte die Attacke zudem, um erneut zusätzliche Patriot-Abwehrraketen einzufordern, da ballistische Raketen die größte Herausforderung für die ukrainische Luftabwehr blieben.
Was geschehen ist
In der Nacht zum 7. Oktober startete Russland ausgehend vom Abend des 6. Oktober eine großangelegte kombinierte Luftattacke auf die Ukraine. Laut Angaben der ukrainischen Luftwaffe wurden Anti-Schiffs-Raketen vom Typ Zirkon/Onyx aus dem Gebiet Rostow, ballistische Raketen vom Typ Iskander-M, S-400 und KN-23 aus den Oblasten Brjansk und Woronesch, 48 Marschflugkörper (Ch-101, Iskander-K, Kalibr) aus den Oblasten Wologda und Kursk sowie vom Kaspischen Meer und 130 Drohnen vom Typ Shahed (46 davon reaktiv), Gerbera sowie Parodie-Drohnen aus den Richtungen Orjol, Primorsko-Achtarsk, dem besetzten Donezk und dem besetzten Hwardijske auf der Krim eingesetzt. Die Hauptangriffsrichtungen waren die Oblasten Kiew, Charkiw, Poltawa und Dnipropetrowsk. Um 03:09 Uhr wurde in Kiew und den meisten Oblasten Luftalarm ausgelöst, nachdem die Luftwaffe vor ballistischen Starts aus dem Gebiet Brjansk und aus südlicher Richtung gewarnt hatte. Kurz darauf waren in Kiew Explosionen zu hören. Im Tagesverlauf der Attacke detonierten Marschflugkörper, ballistische Raketen trafen unter anderem Kiew und Dnipro. In Kiew schlugen Geschosse in den Stadtteilen Obolon, Podil, Schewtschenkiw und Darnyzkyj ein. Im Darnyzkyj-Viertel starben zwei Menschen in einem Garagenkomplex, zwei weitere konnten aus den Flammen gerettet werden. Im Stadtteil Podil geriet ein Büro- und Lagergebäude in Brand, das Feuer griff auf zwei weitere nicht Wohnzwecken dienende Gebäude über. Zudem wurde im Darnyzkyj-Viertel eine nicht detonierte ballistische Rakete zwischen Wohnhäusern gefunden, die von Polizei und SES entschärft wurde. In Pryluky in der Oblast Tschernihiw wurde durch einen Raketentreffer der Eingang eines fünfstöckigen Wohnhauses zerstört; zu den Opferzahlen machten verschiedene Quellen unterschiedliche Angaben – frühe Morgenmeldungen sprachen von zwei Toten und sieben Verletzten, im Laufe des Tages stiegen die Zahlen laut Selenskyj auf fünf Tote und 26 Verletzte, andere Agenturen berichteten später sogar von neun Toten und 40 Verletzten. In Krementschuk (Oblast Poltawa) starben zwei Menschen, nachdem eine Rakete ein Wohnviertel getroffen hatte; mehrstöckige und private Wohnhäuser wurden beschädigt. In Oleksandrija (Oblast Kirowohrad) schlugen Geschosse in ein Unternehmen ein, wobei nachfolgenden Angaben zufolge zwei Menschen getötet wurden. In Dnipro wurde ein Industrieunternehmen getroffen, wobei auch Mehrfamilienhauser und ein Sportclub beschädigt wurden. In Saporischschja wurde eine Einrichtung der Verkehrsinfrastruktur getroffen, woraufhin der Verkehr über die Wanjowy-Brücke vorübergehend eingestellt wurde. Auch in Isjum (Oblast Charkiw) beschädigten Drohnen Stromnetze und bereits zuvor getroffene Gebäude. In der Oblast Kiew wurden im Rajon Obuchiw drei Produktions- und Lagergebäude sowie ein Lastwagen mit Anhänger beschädigt; es gab dort keine Verletzten. Die Luftwaffe erklärte, ballistische Raketen seien die größte verbleibende Herausforderung; von den rund 70 abgefeuerten Raketen und 130 Drohnen seien 161 Ziele – 5 ballistische Raketen, 39 Marschflugkörper (sechs weitere wurden noch geprüft) und 117 Drohnen – abgeschossen oder unterdrückt worden. Am Morgen galten dem Berater der ukrainischen Energieinfrastruktur zufolge neue Stromausfälle in den Oblasten Poltawa, Tschernihiw, Charkiw, Winnyzja und Cherson. In Kiew wurde der Kyiv City Express (Ringbahn) am Morgen vorübergehend eingestellt und nach Aufhebung des Luftalarms gegen 07:20 Uhr wieder aufgenommen; auch Straßenbahn- und Seilbahnverkehr waren zeitweise unterbrochen.
Wie internationale Quellen darüber berichten
Die internationalen Medien in der vorliegenden Quellenlage (USA und Deutschland) greifen die Kernfakten des Angriffs auf: kombinierter Luftschlag auf Kiew und zwölf weitere Oblasten, besondere Rolle der Energieinfrastruktur, zivile Opfer in Pryluky und Krementschuk sowie der zeitliche Zusammenhang mit Putins Geburtstag. Die Berichte stützen sich weitgehend auf offizielle ukrainische Zahlen zu Opfern und Abwehrergebnissen (Präsident Selenskyj, Generalstaatsanwaltschaft, Luftwaffe) und rücken den diplomatischen Kontext in den Vordergrund: ein neues EU-Sanktionspaket mit rund 1.650 zusätzlichen Personen und Unternehmen, über das Botschafter am 7. Oktober abstimmen sollten, sowie die Verurteilung durch Estlands Außenminister. Das deutsche Medium stellt den Angriff als Teil einer breiteren russischen Strategie dar und verweist auf die widersprüchlichen Opferzahlen aus Pryluky (2/7, 4/20, 5/26, 9/40), ohne sie aufzulösen. Russische Angaben über angebliche Angriffe auf Produktionsstätten des Drohnen- und Raketenherstellers Fire Point und andere Industriestandorte werden als unabhängig nicht verifiziert dargestellt.
Wo die Berichte auseinandergehen
Die Opferzahlen aus Pryluky (Oblast Tschernihiw) schwanken zwischen den Quellen erheblich: frühe Morgenmeldungen sprachen von 2 Toten und 7 Verletzten, im Tagesverlauf wurde über 4 Tote und 20 Verletzte berichtet, Selenskyj nannte am Abend 5 Tote und 26 Verletzte einschließlich 5 Kindern, die Generalstaatsanwaltschaft 5 Tote und über 20 Verletzte mit 3 Kindern, Reuters und Suspilne 9 Tote und 40 Verletzte. Für Oleksandrija (Oblast Kirowohrad) gibt es unterschiedliche Angaben: anfangs 1 Toter und 3 Verletzte mit 2 Vermissten, später 2 Tote. Bei den landesweiten Opferzahlen: Estlands Außenminister sprach von mindestens 7 Toten, Selenskyj am Abend von mindestens 11, die Generalstaatsanwaltschaft von mindestens 9 Toten und über 30 Verletzten. Auch bei den Waffen- und Drohnenzahlen gibt es Unterschiede: Die Luftwaffe nennt 48 Marschflugkörper plus 130 Drohnen plus abgefangene ballistische Raketen, Selenskyj und mehrere Medien rundeten auf „etwa 70 Raketen“ und „rund 130 Drohnen“ beziehungsweise „nahe 50 Marschflugkörper“ und „über 180“ ab; eine ukrainische Agentur titelte mit 44 abgefangenen Raketen, was zu den genannten 39 Marschflugkörpern plus 5 ballistischen Raketen nicht passt. Die Zahl der getroffenen Oblasten wird von der Luftwaffe mit vier angegeben (Kiew, Charkiw, Poltawa, Dnipropetrowsk), während Selenskyj von Kiew und 12 Oblasten sprach. Auch die Anzahl der registrierten strategischen Bomber variiert: mal drei Tu-160 aus Belaja, mal sechs Tu-95 aus Olenegorsk, mal insgesamt neun Tu-160 und Tu-95 von verschiedenen russischen Stützpunkten. Behauptungen der russischen Armee, Produktionsstätten von Fire Point und andere Raketen- und Drohnenstandorte getroffen zu haben, wurden in den vorliegenden Berichten als nicht unabhängig bestätigt dargestellt.
Hintergrund
Am Abend des 6. Oktober hatte die ukrainische Luftwaffe den Start strategischer Bomber von den Stützpunkten Belaja und Olenegorsk registriert; gleichzeitig hatte Präsident Selenskyj mitgeteilt, der Geheimdienst verfüge über Hinweise auf die Vorbereitung eines massiven russischen Schlags. Beobachterkanäle hatten im Vorfeld einen möglichen russischen Angriffsschlag von rund 70 Raketen unterschiedlicher Typen für die Nacht zum 7. Oktober erwartet.