Kravchenko tritt nach Anti-Korruptions-Ermittlungen gegen Generalstaatsanwaltschaft zurück
Der ukrainische Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko hat am Abend des 7. September 2026 seinen Rücktritt eingereicht, wenige Tage nachdem NABU und SAPO im Rahmen der Operation „Karthago" die Generalstaatsanwaltschaft und weitere hochrangige Beamte durchsucht hatten. Im Zentrum der Ermittlungen steht Serhij Kropywa, stellvertretender Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit der OGP, der verdächtigt wird, ein Netzwerk betrügerischer Callcenter geschützt und Vermögen von über 89 Millionen Hrywnja gewaschen zu haben. Präsident Selenskyj bestätigte am 8. September, dass Kravchenko die Rücktrittserklärung nach einem persönlichen Gespräch verfasst habe und die Vorlage an die Werchowna Rada weitergeleitet werde.
Das Wichtigste
- Operation „Karthago": NABU und SAPO nahmen am 4. September die Generalstaatsanwaltschaft ins Visier; Hauptverdächtiger ist Serhij Kropywa, stellvertretender Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit der OGP.
- Hohes Gericht gegen Korruption (WAKS): Kropywa wurde am 6. September bis zum 2. November in Untersuchungshaft genommen, Alternativkaution 120 Mio. Hrywnja; Vermögensverdacht über 89 Mio. Hrywnja.
- Am 7. September verhängte der WAKS Haft für Yelyzaweta Iwachnenko („Muza", 24, Kropywas Lebensgefährtin) und für Kropywas Fahrer Serhij Kuzij; Kautionen 20 Mio. bzw. 3 Mio. Hrywnja.
- Am Abend des 7. September reichte Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko seinen Rücktritt ein und bezeichnete ihn als „politische Entscheidung"; er weist jede Verwicklung in den Fall zurück und hat nach eigenen Angaben keinen Verfahrensstatus.
- Präsident Selenskyj erklärte am 8. September, nach einem langen Gespräch habe Kravchenko den Rücktritt verfasst; die Vorlage werde an die Werchowna Rada übermittelt.
- Bei der Durchsuchung der ersten stellvertretenden Generalstaatsanwältin Marija Wdowytschenko wurden laut UP-Quellen Materialien gefunden, die auf Überwachung von NABU-Direktor Semen Krywonos und SAP-Leiter Oleksandr Klymenko hindeuten.
- Laut UP-Quellen in den Strafverfolgungsbehörden soll die OGP pro „geduldetem" Callcenter etwa 7.000 US-Dollar monatlich kassiert haben; auf dem Höhepunkt 2026 seien bis zu 500 Callcenter kontrolliert worden, mit möglichem Erlös von bis zu 3,5 Mio. US-Dollar pro Monat.
Warum es wichtig ist
Der Rücktritt des Generalstaatsanwalts mitten in einer Anti-Korruptions-Ermittlung, die seine eigene Behörde betrifft, ist ein Belastungstest für die Unabhängigkeit der ukrainischen Anti-Korruptions-Institutionen NABU und SAPO. Genau diese Unabhängigkeit war 2025 Auslöser landesweiter Proteste und Anlass für Warnungen der G7-Botschafter mit Blick auf die EU-Integration der Ukraine. Dass bei den Durchsuchungen Materialien zur Überwachung der NABU- und SAPO-Spitze gefunden wurden, verstärkt den Verdacht, dass die Generalstaatsanwaltschaft ihre Ermittler unter Druck setzen wollte. Die genannten Summen — etwa 7.000 US-Dollar pro Callcenter monatlich und ein mutmaßlicher Höchsterlös von rund 3,5 Millionen US-Dollar pro Monat — verweisen zudem auf eine erhebliche kriminelle Schattenökonomie innerhalb von Strafverfolgungsbehörden.
Was geschehen ist
Am 4. September 2026 starteten die nationale Anti-Korruptionsbehörde NABU und die spezialisierte Anti-Korruptionsstaatsanwaltschaft SAPO die Operation „Karthago". Im Zuge der Durchsuchungen wurde unter anderem der stellvertretende Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit der Generalstaatsanwaltschaft, Serhij Kropywa, in Lwiw festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, ein Netzwerk betrügerischer Callcenter „geschützt" und Vermögen von über 89 Millionen Hrywnja gewaschen zu haben. Bei den Durchsuchungen am 4. September in den Räumen von Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko, seiner ersten Stellvertreterin Marija Wdowytschenko und dem Leiter der Oblast-Verwaltung Odessa, Oleh Kiper, mussten NABU-Ermittler nach Darstellung ukrainischer Medien über Leitern in das Gebäude einsteigen, da ihnen der Zutritt zunächst verwehrt wurde; ein Mitarbeiter wurde verletzt. Am 6. September ordnete das Hohe Anti-Korruptionsgericht (WAKS) für Kropywa Untersuchungshaft bis zum 2. November mit einer Alternativkaution von 120 Millionen Hrywnja an. Am 7. September verhängte der WAKS zudem Haft für Yelyzaweta Iwachnenko („Muza", 24) — Kropywas Lebensgefährtin — sowie für Kropywas Fahrer Serhij Kuzij, mit Kautionen von 20 Millionen beziehungsweise 3 Millionen Hrywnja. Am Abend desselben Tages gab Kravchenko seinen Rücktritt bekannt und bezeichnete ihn als „politische Entscheidung"; er wies jede Verwicklung in den Fall zurück und erklärte, keinen Verfahrensstatus in der Sache zu haben. Am 8. September bestätigte Präsident Wolodymyr Selenskyj, Kravchenko habe die Rücktrittserklärung nach einem persönlichen Treffen verfasst; die Vorlage solle an die Werchowna Rada übermittelt werden. Selenskyj kündigte zugleich an, dass die Werchowna Rada das Rücktrittsgesuch erhalten werde und dass er am selben Tag auch mit dem Leiter des SBU, Oleksandr Poklad, dem Leiter des HUR, Oleh Iwaschtschenko, und dem Leiter des Präsidialamtes, Kyrylo Budanow, zu Personalfragen zusammengetroffen sei.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Ukrainische Medien berichten ausführlich über den Ermittlungsstand: die Anklage nach Art. 255 und 209 des Strafgesetzbuchs (Gründung einer kriminellen Vereinigung und Geldwäsche), die Lebensstil-Ermittlungen von Bihus.Info zu Kropywas Verwandten und deren Investitionen in das Aparthotel „Glacier" in Bukowel im Wert von rund 28,5 Millionen Hrywnja sowie die Haft- und Kautionsentscheidungen des WAKS. Zivilgesellschaftliche Stimmen wie die des Anti-Korruptions-Aktivisten Witalij Schabunin, der den Fall als „Mafia-Geschichte" bezeichnete, erhalten viel Raum. Mehrere ukrainische Quellen heben hervor, dass bei der Durchsuchung der ersten stellvertretenden Generalstaatsanwältin Marija Wdowytschenko Materialien gefunden wurden, die auf eine Überwachung von NABU-Direktor Semen Krywonos und SAPO-Leiter Oleksandr Klymenko hindeuten — und deuten dies als Hinweis auf eine mögliche Gegenoffensive der Generalstaatsanwaltschaft gegen die Anti-Korruptionsbehörden. Präsident Selenskyj wird mit der Bestätigung des Rücktritts zitiert.
Wie internationale Quellen darüber berichten
Internationale Medien wie die BBC und eine aserbaidschanische Agentur rahmen den Rücktritt als Korruptionsskandal auf höchster Ebene in einem Land im Krieg. Sie verweisen auf Kravchenkos Rücktrittserklärung, in der er eine „politische Auseinandersetzung" über die Position des Generalstaatsanwalts ablehnt, sowie auf das Ausmaß der Geldwäsche-Vorwürfe. Zugleich wird der Fall in den Kontext der ukrainischen Anti-Korruptionsarchitektur und der EU-Integration eingeordnet: Die 2025 landesweit protestierten Reformen, die die Unabhängigkeit von NABU und SAPO bedrohten, die Warnungen der G7-Botschafter und die anschließende Rücknahme der Reformen durch Selenskyj. Die Berichterstattung betont eher die politischen Folgen für Selenskyj und die Reformbilanz der Ukraine als die Details des Callcenter-Komplexes.
Wo die Berichte auseinandergehen
Die Quellen sind sich uneins, was den Rücktritt konkret auslöste: Einige Berichte beschreiben Kravchenkos Schritt als freiwillige politische Entscheidung nach einem Treffen mit Selenskyj; andere — unter Berufung auf Insider im Präsidialamt — geben an, Selenskyj habe ihn persönlich zum Rücktritt aufgefordert. Kravchenko selbst hatte zuvor erklärt, er werde nur zurücktreten, wenn ihn der Präsident und die Werchowna Rada darum bäten. Uneinigkeit besteht auch über das Ausmaß von Kravchenkos persönlicher Verwicklung: Aufnahmen und Ermittlungsergebnisse von NABU und SAPO stellen Kropywa als eng mit dem Generalstaatsanwalt verbunden dar — er soll Renovierungen an Kravchenkos Haus in Kosyn kontrolliert und bezahlt haben und ihn in den Aufnahmen als „Andrijowytsch"/„Chef" angeredet haben —, während Kravchenko jede Verwicklung öffentlich bestreitet und auf seinen fehlenden Verfahrensstatus verweist. Beim Ablauf der Durchsuchungen am 4. September schildern die meisten ukrainischsprachigen Berichte, die OGP habe den Zugang verweigert, woraufhin NABU-Ermittler über Leitern in das Gebäude eingestiegen seien und ein Mitarbeiter verletzt worden sei; eine andere Darstellung beschreibt den Zugang als routinemäßige Ermittlungshandlung ohne nennenswerte physische Konfrontation.
Hintergrund
NABU und SAPO wurden vor mehr als einem Jahrzehnt geschaffen; Präsident Selenskyj stellte ihre Unabhängigkeit nach den Protesten von 2025 wieder her, nachdem er zuvor Reformen auf den Weg gebracht hatte, die ihre Unabhängigkeit einschränken sollten und G7-Botschafter auf die Risiken für die EU-Integration der Ukraine hingewiesen hatten. Der EU-Kandidatenstatus der Ukraine ist an eine glaubwürdige Korruptionsbekämpfung geknüpft. Die Besorgnis über betrügerische Callcenter war bereits 2023 bei einer Pressekonferenz direkt an Präsident Selenskyj gerichtet worden; aus EU-Partnerländern häuften sich in den Folgejahren Beschwerden über ukrainische Betrügerbanden. Ruslan Kravchenko war im Juni 2025 zum Generalstaatsanwalt ernannt worden. In der Affäre trägt der zentrale Verdächtige Kropywa den Codenamen „Kanzler", seine Lebensgefährtin Iwachnenko den Codenamen „Muza".