Generalstaatsanwalt Krawtschenko setzt Verdacht gegen NABU-Chef aus – Selenskyj fordert Entlassung
Der ukrainische Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko hat am 14. September 2026 in einer Videoansprache angekündigt, einen Verdacht gegen den NABU-Direktor Semen Krywonos unterzeichnet zu haben. Noch in derselben Nacht verließ Krawtschenko das Land über einen dienstlichen Grenzübergang. Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte die Werchowna Rada öffentlich auf, Krawtschenko unverzüglich zu entlassen, und unterzeichnete am Abend des gleichen Tages ein Dekret zu dessen Suspendierung.
Das Wichtigste
- Am 14. September 2026 veröffentlichte Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko ein Video, in dem er die Unterzeichnung eines Verdachts gegen NABU-Direktor Semen Krywonos bekannt gab – wegen angeblicher Fälschung amtlicher Dokumente zur Erlangung unrechtmäßiger Vorteile in besonders großem Umfang.
- Krawtschenko verließ in der Nacht auf den 14. September über den Grenzübergang Shehyni das Land mit einem Dienstwagen; als Anlass gab er eine Dienstreise zu einer PACE-Anhörung in Paris vom 13. bis 17. September an.
- Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte innerhalb einer Stunde, Krawtschenko habe „nur einen Weg: die Entlassung aus dem Amt“, und übermittelte der Werchowna Rada ein formales Entlassungsgesuch.
- Am Abend des 14. September unterzeichnete Selenskyj Dekret Nr. 905/2026 zur Suspendierung Krawtschenkos als Generalstaatsanwalt auf Grundlage von Teil 2 Artikel 11 des Gesetzes über die Rechtsordnung des Kriegsrechts.
- NABU und SAPO erklärten gemeinsam, Krywonos sei zum Morgen des 14. September kein Verdacht förmlich zugestellt worden; das Büro des Generalstaatsanwalts erklärte am Abend, die entsprechenden Einträge im Einheitsregister der Voruntersuchungen seien storniert worden.
- Am 7. September 2026 hatte Krawtschenko seinen Rücktritt eingereicht, im Kontext der Sondereinsatzoperation „Karthago" von NABU und SAPO gegen eine mutmaßliche kriminelle Vereinigung im Büro des Generalstaatsanwalts, die Callcenter-Betrug „gedeckt" haben soll; die Werchowna Rada stimmte noch nicht über den Rücktritt ab.
- Der Sprecher der Europäischen Kommission, Guillaume Mercier, bekräftigte am 14. September in Brüssel, die EU verfolge eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Korruption und unabhängige Anti-Korruptions-Behörden seien ein „Eckpfeiler" der Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine.
Warum es wichtig ist
Der Konflikt stellt einen beispiellosen offenen Bruch zwischen dem Büro des Generalstaatsanwalts und den wichtigsten ukrainischen Anti-Korruptions-Behörden dar, die von der EU und dem IWF als zentrales Kriterium für Reformen und den EU-Beitrittsprozess angesehen werden. Selenskyjs unverzügliche Distanzierung von Krawtschenko und die Suspendierung per Dekret zeigen, dass der Präsident die Unabhängigkeit von NABU und SAPO gegen den amtierenden Generalstaatsanwalt verteidigt – mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit des Anti-Korruptions-Kurses der Ukraine gegenüber Brüssel.
Was geschehen ist
Am Morgen des 14. September 2026 veröffentlichte der ukrainische Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko eine etwa siebenminütige Videoansprache, in der er erklärte, einen Verdacht gegen den Direktor des Nationalen Antikorruptionsbüros (NABU), Semen Krywonos, unterzeichnet zu haben. Die Vorwürfe lauteten auf Fälschung amtlicher Dokumente zur Erlangung unrechtmäßiger Vorteile in besonders großem Umfang sowie auf eine fiktive Adoption zur künstlichen Schaffung von Gründen für eine strafrechtliche Verantwortungsentziehung. Krawtschenko kündigte zudem einen Verdacht gegen eine dem Leiter der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAPO), Oleksandr Klymenko, nahestehende Person an – wegen Einflussnahme auf Richter des Obersten Antikorruptionsgerichts, angeblicher Bestechung und Beihilfe zur Umgehung der Mobilisierung. Noch in derselben Nacht verließ Krawtschenko das Land über den Grenzübergang Shehyni in einem Dienstwagen; als offiziellen Anlass verwies er auf eine von ihm selbst ausgestellte fünftägige Dienstreise nach Paris ab dem 13. September zur Teilnahme an einer Anhörung des Parlamentarischen Netzwerks der PACE zu ukrainischen Kindern. Der Sprecher von PACE erklärte jedoch, weder Krawtschenko noch Vertreter seines Amtes würden an der Anhörung teilnehmen.
NABU und SAPO reagierten mit einer gemeinsamen Erklärung, wonach Krywonos zum Zeitpunkt ihrer Stellungnahme kein Verdacht förmlich zugestellt worden sei; die Anti-Korruptions-Behörden werteten Krawtschenkos Vorgehen als Fortsetzung einer systematischen Attacke auf unabhängige Anti-Korruptions-Organe. Präsident Selenskyj reagierte binnen einer Stunde mit der öffentlichen Erklärung, Krawtschenko habe „nur einen Weg: die Entlassung aus dem Amt", und übermittelte der Werchowna Rada ein formales Entlassungsgesuch. Am Abend unterzeichnete er Dekret Nr. 905/2026 zur Suspendierung Krawtschenkos auf Grundlage von Teil 2 Artikel 11 des Gesetzes über die Rechtsordnung des Kriegsrechts. Das Büro des Generalstaatsanwalts erklärte seinerseits am Abend, im betreffenden Verfahren sei niemandem auf gesetzlich vorgeschriebene Weise ein Verdacht mitgeteilt worden, und die entsprechenden Einträge im Einheitsregister seien storniert worden. Hintergrund ist die am 4. September bekanntgegebene Sondereinsatzoperation „Karthago" von NABU und SAPO, die eine mutmaßliche kriminelle Vereinigung im Büro des Generalstaatsanwalts aufgedeckt haben soll, die Callcenter-Betrug „gedeckt" und Erlöse gewaschen habe. Krawtschenko hatte am 7. September 2026 seinen Rücktritt eingereicht, über den die Werchowna Rada noch nicht abgestimmt hatte; die für den 15. September geplante Abstimmung über die Entlassung steht nun an.
Wo die Berichte auseinandergehen
Strittig ist, ob Krywonos tatsächlich ein gültiger Verdacht zugestellt wurde: Krawtschenko und das Büro des Generalstaatsanwalts verwiesen anfangs auf eine Unterzeichnung und Eintragung im Einheitsregister der Voruntersuchungen sowie auf einen Postversand mit Belegen; NABU, SAPO und Krywonos selbst erklärten, es sei kein Papierdokument persönlich oder an die Behörden zugestellt worden. Am Abend des 14. September erklärte das Büro des Generalstaatsanwalts, die Einträge seien storniert worden. Uneinigkeit besteht zudem über das tatsächliche Reiseziel und die Umstände der Ausreise: Quellen nennen Litauen, Brüssel und Paris; die offizielle Begründung lautet PACE-Anhörung in Paris, doch PACE erklärte, Krawtschenko werde nicht teilnehmen. Offen ist ferner, ob Krawtschenko nur mit Zustimmung des Präsidenten ausreisen konnte – was der Antikorruptions-Aktionszentrum behauptet, das einen Zusammenhang mit der Unterzeichnung des Verdachts herstellt – oder ob der Generalstaatsanwalt nach der Verfassung unabhängig reisen durfte. Ein weiterer Streitpunkt ist Krawtschenkos Behauptung, NABU und SAPO hätten bei den Durchsuchungen im Büro des Generalstaatsanwalts geschützte Verfahrensunterlagen erlangt und Dokumente kopiert oder gestohlen; NABU und SAPO widersprichen und erklärten, nur eine Referenz mit Informationen zu Detektiven unter verdeckten Ermittlungsmaßnahmen sei sichergestellt worden. Schließlich ist offen, ob Selenskyj Krawtschenko zuvor politisch von der Unterzeichnung des Verdachts abgehalten habe, wie Krawtschenko behauptet, oder ob Krawtschenkos Schritt ein nicht mit dem Präsidialamt abgestimmter Alleingang gewesen sei, wie Quellen aus dem Präsidialamt RBC-Ukrajina, NV und LIGA.net erklärten.
Hintergrund
Hintergrund ist die am 4. September 2026 angekündigte Sondereinsatzoperation „Karthago" von NABU und SAPO, die eine mutmaßliche kriminelle Vereinigung aufgedeckt haben soll, die von einem leitenden Beamten des Büros des Generalstaatsanwalts – in der Berichterstattung als Serhij Kropywa, stellvertretender Leiter der Abteilung für internationale Rechtszusammenarbeit, benannt – angeführt wurde und Callcenter-Betrug „gedeckt" und Erlöse gewaschen haben soll; fünf Verdächtige wurden benannt, Kropywa wurde mit einer alternativen Kaution von 120 Millionen Hrywnja in Untersuchungshaft genommen. Ruslan Krawtschenko war nach einer Tätigkeit als Leiter des Staatlichen Steuerdienstes von Dezember 2024 bis Juni 2025 im Juni 2025 zum Generalstaatsanwalt ernannt worden und hatte am 7. September 2026 im Kontext der Operation „Karthago" seinen Rücktritt eingereicht, blieb aber als amtierender Generalstaatsanwalt im Amt, bis die Werchowna Rada über seine Entlassung abstimmt. Unabhängige Anti-Korruptions-Behörden – NABU als Ermittlungsbehörde und SAPO als zuständige Staatsanwaltschaft – waren nach der Revolution 2014 mit Unterstützung der EU und des IWF geschaffen worden und gelten seit langem als zentraler Maßstab der EU für Reformen in der Ukraine; der Sprecher der Europäischen Kommission, Guillaume Mercier, bekräftigte am 14. September, die Bekämpfung von Korruption sei ein „Schlüsselelement" für jedes EU-Beitrittsland, und unabhängige Anti-Korruptions-Behörden seien ein „Eckpfeiler" der Rechtsstaatlichkeit. Der veröffentlichte Verdacht gegen Krywonos aus dem Büro des Generalstaatsanwalts umfasst zwei Episoden: eine mutmaßlich fiktive Adoption eines Kindes in den Jahren 2008–2009, mit der 2009 eine Amnestie in einem Wahlbestechungsfall erwirkt worden sein soll, sowie eine mutmaßliche Forderung nach einem unrechtmäßigen Vorteil im Jahr 2014 im Zusammenhang mit einem Grundstücksgeschäft während Krywonos' Tätigkeit bei der Stadt-Kreis-Justizverwaltung in Obuchiw.