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Selenskyj: Putin hat im September alle Beschränkungen für russische Luftangriffe aufgehoben

In einem Interview mit der Financial Times erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, Wladimir Putin habe die russische Militärführung im September angewiesen, sämtliche Beschränkungen für Luftangriffe aufzugeben. Seither habe Russland seine Drohnenangriffe auf ukrainische Städte und zivile Infrastruktur massiv ausgeweitet. Selenskyj verband die neue Kampagne mit dem Scheitern russischer Offensiven im Donbass und kritisierte die westliche Unterstützung als unzureichend.

Das Wichtigste

  • Selenskyj sagte, Putin habe im September die Aufhebung aller Beschränkungen für russische Luftangriffe befohlen; die Information stamme aus von der ukrainischen Aufklärung abgehörten Gesprächen von Kreml-Vertretern.
  • In den 24 Stunden vor dem Interview habe Russland rund 500 Drohnen gestartet, etwa die Hälfte davon düsengetrieben.
  • Die ukrainische Abwehrquote liegt nach Angaben von Selenskyj bei rund 57 % der düsengetriebenen und 85–90 % der konventionellen Drohnen.
  • Am 1. Oktober traf eine russische Drohne eine Schule im Kiewer Stadtteil Solomjanskyj; 104 Schüler und 60 Mitarbeiter waren rechtzeitig im Schutzraum.
  • Am 1. Oktober wurde die Piwdennyj-Brücke (Südbrücke) in Kiew getroffen, in der Nacht zum 2. Oktober ein drittes Mal sowie ein Hochhaus im Stadtteil Darnyzkyj, wobei eine Person getötet wurde.
  • Die Ukraine testet fünf Modelle von Hochgeschwindigkeits-Abfangdrohnen; eines soll bis Ende Oktober in einer Stückzahl von rund 400 produziert werden, vier weitere befinden sich noch in der Erprobung.
  • Etwa die Hälfte der ukrainischen F-16 befindet sich laut Selenskyj zur Wartung in Europa; die Ukraine will Teile der Wartung mit westlicher Unterstützung ins Land verlegen.
  • Auf die Frage, ob die Partner alles Mögliche für die Ukraine täten, antwortete Selenskyj: „Nicht genug, natürlich nicht genug.“

Warum es wichtig ist

Selenskyj beschreibt eine qualitative Verschärfung der russischen Luftkriegsführung: weg von überwiegend Energie- und Militärzielen, hin zu Schulen, Krankenhäusern, Rechenzentren und ziviler Logistik. Er verknüpft diese Wende mit dem Stocken der russischen Bodenoffensive im Donbass – die Luftkampagne solle Druck auf die Zivilbevölkerung erzeugen und die Kriegsanstrengungen der Ukraine schwächen. Die genannten Eckdaten – rund 500 Drohnen in 24 Stunden, etwa die Hälfte düsengetrieben, Abwehrquoten von 57 % bei Düsendrohnen und 85–90 % bei konventionellen Drohnen – verweisen auf eine stark beanspruchte ukrainische Luftabwehr. Engpässe bei Triebwerken für Abfangdrohnen sowie etwa die Hälfte der F-16 in europäischer Wartung verdeutlichen Kapazitätslücken, deren Schließung Selenskyj explizit von den Partnern einfordert. Das Interview diente damit zugleich als öffentliche Kritik an der westlichen Unterstützung und als Begründung für zusätzlichen Bedarf an Luftverteidigung.

Was geschehen ist

In einem am 1. Oktober 2026 geführten Interview mit der Financial Times erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, sein Land habe durch das Abhören von Gesprächen Kreml-naher Vertreter erfahren, dass der russische Präsident Wladimir Putin im September die Aufhebung sämtlicher Beschränkungen für Luftangriffe angeordnet habe. Putin habe demnach sinngemäß gesagt, es gebe „jetzt keine Regeln“ mehr. Nach dieser Anordnung habe Russland seine Drohnenangriffe auf ukrainische Städte erheblich intensiviert, mit zunehmender Konzentration auf Schulen, Krankenhäuser, Telekommunikations- und Rechenzentren statt der zuvor überwiegend attackierten Energie- und Militäreinrichtungen. Selenskyj führte den Strategiewechsel auf das Scheitern russischer Vorstöße im Donbass zurück: Moskau versuche, die ausbleibenden Geländegewinne durch Massenangriffe, Einschüchterung der Zivilbevölkerung und Druck auf die Großstädte zu kompensieren. In den 24 Stunden vor dem Interview habe Russland etwa 500 Drohnen eingesetzt, rund die Hälfte davon düsengetrieben. Die ukrainische Abfangquote liege bei ungefähr 57 % dieser Düsendrohnen und 85–90 % der konventionellen Drohnen. Die Ukraine teste fünf Modelle von Hochgeschwindigkeits-Abfangdrohnen, von denen eines bis Ende Oktober in einer Stückzahl von rund 400 produziert werden solle; die Produktion werde jedoch durch einen Mangel an Triebwerken behindert, die großteils importiert würden. Etwa die Hälfte der ukrainischen F-16-Kampfjets befinde sich in Europa zur Wartung; Selenskyj kündigte an, mit westlicher Unterstützung Teile der Wartung in die Ukraine verlegen zu wollen. Am 1. Oktober traf eine russische Drohne eine Schule im Kiewer Stadtteil Solomjanskyj – nach Angaben des Schuldirektors hatten 104 Schüler und 60 Mitarbeiter den Schutzraum erreicht, niemand wurde verletzt. Am selben Tag wurde die Piwdennyj-Brücke (Südbrücke) in Kiew beschädigt und voll gesperrt; in der Nacht zum 2. Oktober erfolgte ein dritter Angriff auf die Brücke sowie ein Treffer eines mehrstöckigen Wohnhauses im Stadtteil Darnyzkyj, bei dem eine Person getötet wurde. Auf die FT-Frage, ob die westlichen Partner alles Mögliche für die Ukraine täten, antwortete Selenskyj: „Nicht genug, natürlich nicht genug.“

Hintergrund

Bereits seit Ende August 2026 steht Kiew und die umliegende Region unter nahezu ununterbrochenen russischen Drohnen- und ballistischen Raketenangriffen. Während der Großteil der bisherigen Angriffe auf Energie- und Militärinfrastruktur zielte, verschiebt sich das Muster hin zu zivilen Objekten wie Schulen, Krankenhäusern, Rechenzentren, Logistik- und Handelszentren. Selenskyj sieht die neue Luftkampagne als Reaktion auf ukrainische Angriffe auf Ölraffinerien, Häfen und Lager tief in Russland, die nach seinen Angaben in russischen Städten und Touristenzentren für Treibstoffknappheit und ein Gefühl der Unsicherheit gesorgt hätten. Zeitgleich bleibt die Frontlinie im Osten der Ukraine weitgehend statisch; russische Einheiten erleiden schwere Verluste und kommen kaum voran, was aus ukrainischer Sicht die Hinwendung zu massierten Luftangriffen auf die Zivilbevölkerung als Ersatz für ausbleibende Geländegewinne erklärt.