Selenskyj: Partner warnten die Ukraine nicht vor ballistischem Angriff auf Kyiw
Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die Ukraine habe vor dem russischen ballistischen Raketenangriff auf Kyiw am Abend des 12. Oktober keine Vorwarnung von Partnern erhalten. Nach Angaben der ukrainischen Luftstreitkräfte schlugen fünf ballistische Raketen in zivile Infrastruktur ein; die Ziele wurden demnach erst während des Angriffs vom Radar erfasst. Selenskyj sagte zudem, die Ukraine habe nach der von US-Präsident Donald Trump angekündigten „Energiewaffenruhe“ zwei Tage lang keine Angriffe auf russische Raffinerien und Energieanlagen ausgeführt, während Russland die ukrainische Energieinfrastruktur weiter angegriffen habe.
Das Wichtigste
- Am Abend des 12. Oktober schlug Russland fünf ballistische Raketen in zivile Infrastruktur in Kyiw ein.
- Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die Ukraine habe von Partnern keine Vorwarnung auf den Angriff erhalten.
- Die ukrainische Luftwaffe erfasste die Ziele nach eigenen Angaben erst gegen 22:10 Uhr während des Angriffs selbst.
- In Charkiw wurde nach Angaben Selenskyjs an einem Abend ein Wohnhaus zerstört; vier Menschen starben, 41 wurden verletzt.
- Selenskyj sagte, die Ukraine habe nach Trumps angekündigter „Energiewaffenruhe“ zwei Tage lang keine russischen Energieanlagen angegriffen, Russland aber 19 ukrainische Regionen weiter bombardiert.
- Außenminister Andrij Sybiha erklärte beim Warschauer Sicherheitsforum, die Ukraine erhalte weiterhin Aufklärungsdaten aus den USA.
- Das ISW wies darauf hin, dass eine vorübergehende US-Pause der Aufklärungsteilung im März 2025 Russland Vormarsch im Kursk-Gebiet ermöglicht hatte.
Warum es wichtig ist
Die Aussage verknüpft eine fehlende Vorwarnung vor einem Angriff auf die Hauptstadt mit einer heiklen Phase der Beziehungen zwischen den USA und der Ukraine, in der Medienberichten zufolge Washington mit der Aussetzung der Aufklärungsteilung und von Waffenkäufen droht, sollte Kyiw Angriffe auf russische Energieinfrastruktur fortsetzen. Der Vorfall macht zugleich eine technische Verwundbarkeit sichtbar: Vom russischen Gebiet abgeschossene S-400-Raketen können Kyiw in unter zwei Minuten erreichen, sodass rechtzeitige Warnungen selbst bei schneller Datenweitergabe kaum möglich sind. Selenskyjs Hinweis auf die zwei Tage ohne ukrainische Angriffe nach der angekündigten Energiewaffenruhe bei gleichzeitig andauernden russischen Angriffen auf 19 Regionen verschärft die wahrgenommene Asymmetrie.
Was geschehen ist
Am Abend des 12. Oktober feuerte Russland nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe um 22:10 Uhr fünf ballistische Raketen auf Kyiw, die in zivile Infrastruktur einschlugen; die Ziele seien vom Radar erst während des Angriffs erfasst worden, Vorinformationen über Starts vom russischen Territorium habe es nicht gegeben. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am 13. Oktober in sozialen Netzwerken, die Ukraine habe von Partnern keine Vorwarnung erhalten, und nannte das Ausbleiben solcher Daten eine der entscheidendsten Fragen, da Aufklärung über ballistische Starts Leben rette. Am selben Abend und am folgenden Morgen schlugen russische Angriffe nach Angaben Selenskyjs unter anderem in Charkiw ein Wohnhaus zer (vier Tote, 41 Verletzte), verletzten in Kyiw-Darnyzkyj eine Frau in einem Privathaus, töteten im Fastiver Rajon der Oblast Kyiw eine Person, verwundeten in Riwne 14 Menschen an einer Bildungseinrichtung und trafen in Murowane bei Lwiw ein Wohnhaus mit einer Drohne. Selenskyj sagte zudem, die Ukraine habe nach der von US-Präsident Donald Trump am 11. Oktober angekündigten „Energiewaffenruhe“ zwei Tage lang keine Angriffe auf russische Ölraffinerien und Energieinfrastruktur ausgeführt, während Russland in diesem Zeitraum 19 ukrainische Regionen angegriffen habe. Außenminister Andrij Sybiha erklärte beim Warschauer Sicherheitsforum, die Ukraine erhalte weiterhin Aufklärungsdaten aus den USA, und führte die verzögerte Luftwarnung auf den Einsatz einer besonderen Waffengattung durch Russland zurück.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Ukrainische Quellen stellen Selenskyjs Aussage in den Mittelpunkt, dass Partner die Ukraine vor dem ballistischen Schlag nicht gewarnt hätten, und betonen zugleich die Folgen für zivile Infrastruktur in Kyiw, Charkiw, Riwne und Lwiw. Sie ordnen den Angriff in den unmittelbaren Kontext der von Trump verkündeten „Energiewaffenruhe“ ein und heben die Asymmetrie hervor: Die Ukraine habe zwei Tage lang auf Angriffe auf russische Energieanlagen verzichtet, Russland aber ukrainische Energie- und Kritische Infrastruktur weiter angegriffen. Gleichzeitig verbreiten sie offizielle Beruhigungen, dass die Aufklärungsteilung mit den USA weiterläuft (Außenminister Sybiha in Warschau), und verweisen auf die Warnung des Zentrums für Desinformationsbekämpfung vor Online-Spekulationen über ein angebliches Ende der Aufklärungslieferungen. Militärische und parlamentarische Stimmen – Luftwaffensprecher Juri Ihnat, Berater des Präsidenten Serhij Beskrestnow, der Leiter des Unterausschusses für Cybersicherheit Fedijenko sowie der Milärblogger Serhij Misjura – liefern technische Erklärungen: kurze Flugzeit der S-400-Raketen aus Brjansk, mehrere Aufklärungsquellen jenseits der USA und frühere vergleichbare Fälle, um das Fehlen einer Warnung ohne Hinweis auf einen politischen Abbruch zu erklären.
Wie internationale Quellen darüber berichten
Die wenigen nicht-ukrainischen Quellen – ein aserbaidschanisches Agentur-Berichtsstück und ein US-Medienbericht – stellen Selenskyjs Aussage über die fehlende Vorwarnung durch Partner an die Spitze und rahmen den Vorfall vor allem als Erklärung des ukrainischen Präsidenten, weniger als Story über die Auswirkungen des Angriffs. Sie enthalten weniger der innenpolitischen und Desinformations-Kontextdetails (Zentrum für Desinformationsbekämpfung, parlamentarische Stimmen, detaillierte Opferzahlen aus Charkiw, Riwne und Lwiw), die die ukrainische Berichterstattung dominieren, und rücken die Asymmetrie der „Energiewaffenruhe“ weniger in den Vordergrund.
Wo die Berichte auseinandergehen
Die Quellen sind uneins darüber, ob die USA der Ukraine mit der Aussetzung der Aufklärungsteilung gedroht haben, falls sie Angriffe auf russische Energieinfrastruktur fortsetzt: CNN, die Financial Times und andere Medien, die sich auf europäische Offizielle berufen, berichten von einer solchen Drohung; drei Reuters-Quellen, von denen eine beim Florida-Treffen am 9. Oktober mit US-Unterhändlern Steve Witkoff und Jared Kushner anwesend war, bestreiten, dass eine solche Drohung ausgesprochen worden sei. Daneben gehen die Einschätzungen auseinander, ob die verspätete Luftwarnung durch den Einsatz einer „besonderen Waffengattung“ durch Russland zu erklären ist – so Außenminister Sybiha – oder ob sie auf eine tatsächliche Lücke in der partnerbereitgestellten Frühwarnung hinweist, wie sie Selenskyj und Fedijenko andeuten.
Hintergrund
Am 11. Oktober hatte US-Präsident Donald Trump in sozialen Netzwerken erklärt, beide Seiten hätten sich auf eine sofort wirksame „Energiewaffenruhe“ geeinigt; Moskau bestätigte dies nicht, Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach lediglich von laufenden Kontakten. CNN und die Financial Times berichteten unter Berufung auf europäische Offizielle, die Trump-Regierung habe Kyiw und europäischen Verbündeten gedroht, die Aufklärungsteilung auszusetzen und europäische Käufe amerikanischer Waffen für die Ukraine zu stoppen, sollte Kyiw Angriffe tief in Russland nicht einstellen. Reuters-Quellen, darunter eine beim Florida-Treffen am 9. Oktober zwischen US-Unterhändlern Steve Witkoff und Jared Kushner und dem ukrainischen Team anwesende Person, wiesen das zurück; die US-Seite habe an die Unterstützung erinnert, und Kushner habe auf Trumps Bitten verwiesen, Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen. Das Institute for the Study of War (ISW) wies in seinem Bericht vom 11. Oktober darauf hin, dass eine vorübergehende US-Pause der Aufklärungsteilung im März 2025 Russland Vormarsch im Kursk-Gebiet ermöglicht habe, und schätzte, die Energiewaffenruhe in ihrer jetzigen Form verschaffe Russland einen deutlichen Vorteil, ohne der Ukraine etwas zu bieten. Die ukrainische Luftwaffe erklärte, ballistische Ziele am 12. Oktober seien vom Radar erst während des Angriffs gegen 22:10 Uhr erfasst worden, ohne Vorinformationen über Starts vom russischen Territorium; solche Fälle verspäteter Warnungen habe es früher bereits gegeben.