Selenskyj beim Warschau-Sicherheitsforum: Ukraine unterstützt Energie-Waffenstillstand, fordert aber Schritte Russlands
Bei einer Videobotschaft auf dem Warschau-Sicherheitsforum am 12. Oktober erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, die Ukraine unterstütze den von US-Präsident Donald Trump vorgeschlagenen „Energie-Waffenstillstand“ mit Russland. Zugleich warb Selenskyj um konkrete amerikanische Schritte und verwies auf russische Angriffe auf ukrainische Energieinfrastruktur noch nach Trumps Ankündigung. Selenskyj stellte klar: Wenn Russland dem Energie-Waffenstillstand nicht zustimme, werde die Ukraine in diesem Winter reagieren.
Das Wichtigste
- Selenskyj sprach am 12. Oktober per Videolink auf dem Warschau-Sicherheitsforum.
- Trump hatte am 11. Oktober um 17:16 Uhr Kiewer Zeit in einem Truth-Social-Beitrag einen sofortigen „Energie-Waffenstillstand“ zwischen Russland und der Ukraine verkündet und behauptet, beide Seiten hätten zugestimmt.
- Nach Angaben des Weißen Hauses bedeutet Trumps „Energie-Waffenstillstand“, dass beide Seiten die Angriffe auf die Ölraffinerien des jeweils anderen einstellen („refinery for refinery“).
- Selenskyj sagte, die Ukraine habe vor Trumps Beitrag nichts von einer Vereinbarung gewusst, und verwies auf einen russischen Angriff auf eine Energieanlage in Kiew etwa eine Stunde vor Trumps Beitrag sowie auf einen Angriff auf das Heizkraftwerk TEC-5 in Charkiw danach.
- Die Ukraine habe nur eine einzige, durch russische Angriffe schwer beschädigte Ölraffinerie und importiere große Mengen Diesel und andere Erdölprodukte; Selenskyj dankte Polen und Norwegen für Energielieferungen.
- Selenskyj knüpfte den Verzicht der Ukraine auf Angriffe auf russische Ölinfrastruktur an die Bedingung, dass Russland die Angriffe auf ukrainische Kraftwerke und das Stromnetz sowie auf Kritische Infrastruktur einstellt.
- Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas begrüßte den Energie-Waffenstillstand am 12. Oktober, sagte jedoch, es gebe keine Anzeichen, dass Moskau dazu bereit sei.
Warum es wichtig ist
Selenskyjs Auftritt macht deutlich, dass aus ukrainischer Sicht ein tatsächlicher Energie-Waffenstillstand mehr erfordert als Trumps Truth-Social-Beitrag: Russland müsse seine Angriffe auf ukrainische Kraftwerke und das Stromnetz einstellen. Da der ukrainische Präsident Angriffe auf Charkiwer Infrastruktur und Kiewer Versorgung unmittelbar nach Trumps Erklärung meldete, steht der Wahrheitsgehalt der „sofortigen Waffenruhe“ infrage. Mit der Bereitschaft, US-amerikanische Nichtangriffsgarantien zu unterzeichnen, versucht Selenskyj, Washington und Moskau zugleich unter Handlungsdruck zu setzen.
Was geschehen ist
Wolodymyr Selenskyj sprach am Montag, dem 12. Oktober, per Videolink auf dem Warschau-Sicherheitsforum. Er erklärte, die Ukraine unterstütze sofort den von US-Präsident Donald Trump vorgeschlagenen Energie-Waffenstillstand, den die USA am Vortag in einem Truth-Social-Beitrag als „mit sofortiger Wirkung in Kraft“ angekündigt hatten. Zugleich sagte Selenskyj, die Ukraine habe vor Trumps Beitrag von keiner Vereinbarung gewusst. Er berichtete, russische Drohnen hätten in der Nacht vor seiner Rede zwar keine russischen Raffinerien angegriffen, dafür aber eine Gasförderanlage und eine Tankstelle in der Ukraine getroffen; unmittelbar nach Trumps Beitrag habe Russland das Heizkraftwerk TEC-5 in Charkiw angegriffen, und in weiten Teilen Kiews seien Wasser und Strom ausgefallen. Selenskyj unterstrich, dass die ukrainische Energielage fragil sei – mit nur einer schwer beschädigten Raffinerie und ohne große eigene Ölreserven – und dankte Polen und Norwegen für Energielieferungen. Die zentrale Bedingung der Ukraine für den Verzicht auf Angriffe auf russische Ölinfrastruktur sei, dass Russland seine Angriffe auf ukrainische Kraftwerke und das Stromnetz sowie auf kritische Infrastruktur einstelle. Selenskyj bot an, von den USA gewünschte Nichtangriffsgarantien zu unterzeichnen, und forderte konkrete amerikanische Schritte.
Wie ukrainische Quellen darüber berichten
Die ukrainische Berichterstattung stellt Selenskyjs bedingte Unterstützung für den Energie-Waffenstillstand ins Zentrum und betont, die Ukraine habe keine Vorkenntnis von Trumps Ankündigung gehabt. Hervorgehoben wird die Asymmetrie zwischen der einzigen, schwer beschädigten ukrainischen Raffinerie und dem russischen Raffinerienetz; die ukrainischen Angriffe auf russische Ölinfrastruktur werden als Reaktion auf die jahrelangen russischen Angriffe auf ukrainische Kraftwerke und das Stromnetz gerahmt. Die Berichte verweisen auf russische Angriffe auf das Heizkraftwerk TEC-5 in Charkiw und auf die Kiewer Versorgung noch nach Trumps Beitrag und zeichnen Russland als die Seite, die den Waffenstillstand verletzt. Zugleich wird Selenskyjs Bereitschaft, US-Garantien zu unterzeichnen, als Beleg für die Kooperationsbereitschaft der Ukraine präsentiert.
Wo die Berichte auseinandergehen
Drei wesentliche Differenzen sind erkennbar: Erstens widersprechen sich Trump und Selenskyj darin, ob dem Energie-Waffenstillstand eine gegenseitige Vereinbarung vorausging – Trump behauptet Zustimmung beider Seiten, Selenskyj und eine Quelle der Financial Times sagen, die Ukraine habe vorher nichts gewusst. Zweitens legt das Weiße Haus den „Energie-Waffenstillstand“ auf Ölraffinerien fest („refinery for refinery“), während Selenskyj den Schwerpunkt auf Stromnetz und Erzeugungsanlagen legt. Drittens stuft Trump die Waffenruhe als „sofort in Kraft“ ein, Selenskyj verweist dagegen auf fortgesetzte russische Drohnenangriffe auf Charkiwer Infrastruktur, Kiewer Versorgung und ukrainische Gas- und Tankstelleninfrastruktur als unmittelbare Verstöße.
Hintergrund
Trump hatte bereits am 14. September erklärt, Russland und die Ukraine hätten vereinbart, sich nicht mehr gegenseitig zu Energieanlagen anzugreifen. Am 9. Oktober kündigte er zudem an, den US-Markt für russisches Diesel zu öffnen und die Sanktionen bis April auszusetzen. Selenskyjs Hinweis auf die begrenzte ukrainische Energiereserve – nur eine Raffinerie, hohe Importabhängigkeit bei Diesel und Erdölprodukten – und sein Dank an Polen und Norwegen bilden den Kontext für die ukrainische Verhandlungsposition. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas begrüßte am 12. Oktober den Energie-Waffenstillstand grundsätzlich, wies aber darauf hin, dass es keine Anzeichen für Moskauer Bereitschaft gebe.